Willkommen im Club!

Der berühmte Philosoph Immanuel Kant hat dem Menschen einmal eine gewisse „ungesellige Geselligkeit“ zugeschrieben. Damit meinte er den inneren Zwiespalt, den fast alle Menschen in Bezug auf ihre Mitmenschen spüren: Zwar wollen sie harmonisch miteinander leben, teilen und einander helfen. Zugleich will sich jeder einzelne aber gegenüber den anderen absetzen, sich beweisen oder im Extremfall die anderen beherrschen. Wenn ich so darüber nachdenke, dann fällt mir auf, dass dieses Spannungsverhältnis ziemlich genau das widerspiegelt, was man in unserer modernen Arbeitswelt Arbeiten im Team nennt, oder täusche ich mich?

Wie auch immer dem sei, jedenfalls habe ich, seit ich denken kann, ein ähnlich gespaltenes Verhältnis, wie jenes, das Kant allen Formen des gesellschaftlichen Miteinanders attestiert, zu Clubs und Vereinen.

Einerseits faszinieren mich die Möglichkeiten mit interessanten Menschen ins Gespräch zu kommen und der Traditionsgedanke, der bei vielen Clubs intensiv gepflegt wird. Die gesellige Seite also. Andererseits haben mich die Vereinnahmungstendenzen, die ebenfalls in vielen Clubs herrschen, abgeschreckt, solange ich denken kann.

Gewiss, als kleiner Junge war ich begeisterter Pfadfinder und später als Teenager habe ich mich einigermaßen erfolglos im hiesigen Sportverein herum getrieben. Aber dann – ich muss so ungefähr 16 oder 17 Jahre alt gewesen sein – dann war Schluss. Ich kehrte allen Vereinen den Rücken und bin seither weder einem Club noch einem Verein beigetreten. Ich schätze, meine ungesellige Seite war einfach zu ausgeprägt. Und, wenn ich ehrlich bin, war ich fest davon überzeugt, dass das auch für den Rest meines Lebens so bleiben würde. Damit hatte ich Recht behalten – bis letzte Woche.

Was war geschehen? Meine neue Leidenschaft, über das Pfeiferauchen zu schreiben, ließ mich ein wenig recherchieren, ein wenig telefonieren und ein wenig sinnieren. Und siehe da: es gibt sogar Clubs Pfeifenraucher.

Zunächst stieß ich auf den ersten Kölner Pfeifenclub mit dem sympathischen Namen „De Pief es uss“. Der Wettkampf im Langsamrauchen wird hier intensiv gepflegt. „Interessant“, dachte ich mir, „aber vermutlich noch nichts für mich.“ Also recherchierte und suchte ich noch ein wenig weiter. Parallel nahm ich Kontakt zu einigen Tabakherstellern auf und stieß dabei auf den Radford’s Freundeskreis e.V., einem „Club für anspruchsvolle Pfeifenraucher“.

Robert Engels, der damalige Geschäftsführer des Familienunternehmens Pöschl Tabak, gründete den Club 1983 anlässlich der Markteinführung der Pfeifentabakmarke Radford’s. Dieser Tabak verdankt seinen Namen ebenso wie der Club dem berühmten Tonpfeifen- und Tabakhersteller Thomas Radford, der im 17. Jahrhundert in London lebte. Heute ist der Radford’s Freundeskreis mit seinen über 2.000 Mitgliedern der größte deutsche Pfeifenraucherclub.

„Na wenn schon Pfeifenraucherclub, dann bitte schön auch der größte“, dachte ich mir. Ich warf kurzerhand alle ungeselligen Bedenken über Bord und bat um Aufnahme in den Club. Und – Ihr ahnt es vermutlich schon – ich bin jetzt Mitglied des Clubs.Das ganze ging mir so leicht von der Hand, dass ich mich frage, ob meine jahrelang dominante Ungeselligkeit schwächer geworden und einer neuen Geselligkeit gewichen ist. Vielleicht hat ja sogar das Pfeiferauchen dazu beigetragen.

Leider sagt Immanuel Kant nichts darüber, ob das Pfeiferauchen das Verhältnis zwischen Ungeselligkeit und Geselligkeit zugunsten der Geselligkeit verändern kann. Dabei hätte er es wissen müssen. Jeden Morgen um exakt fünf Uhr trank der Philosoph zwei Tassen Tee und rauchte dabei eine Pfeife Tabak. Ob Kant allerdings in einem Pfeifenclub war, das ist nicht überliefert.

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