Wenn’s pixelig wird …

In den Büros surren die Klimaanlagen und Ventilatoren, die Nachbarn sitzen abends laut parlierend auf der Terrasse, und in der S-Bahn begleitet eine leichte aber doch nicht von der Hand zu weisende Schweißnote die Fahrt. Kein Zweifel: auch in Deutschland ist endlich Sommer!

Ich, der dieses Jahr seinen großen Jahresurlaub leider erst im Herbst nehmen kann, bin fest entschlossen mir diesen Sommer – gewissermaßen als Entschädigung – hin und wieder kleine Urlaube vom Alltag zu gönnen. Wenn es wieder so weit ist – meistens sonntags – nehme ich mir meine Pfeife, genieße einen guten Tabak und lasse meine Gedanken treiben. Oft ist der Tabak dabei so etwas wie die Startbahn meiner Gedankenreise. Ob ich mit dem Californian Dream von Planta zurück in meine Kindheit zum Kalifornienurlaub mit den Eltern oder mit dem Peterson Summertime 2013 in die Karibik düse, spielt dabei eigentlich gar keine Rolle. Ganz gleich, wohin es geht, Hauptsache, die Gedanken gehen auf eine Reise, und ich kann das tun, was man so die Seele baumeln lassen nennt. Dann ist alles gut.

Nun ja – meistens jedenfalls. Manchmal indes kommt es anders als erwartet, und die Gedankenreise endet jäh mit einer intellektuellen Bruchlandung. Kawumm!

Letzten Sonntag war es bei mir soweit. Und das Schlimme daran war, dass ich diesen Crash auch noch selbst von langer Hand vorbereitet hatte! Einige Wochen zuvor hatte ich mir nämlich die Image-Reihe von Planta noch einmal zur Brust genommen. Dabei handelt es sich um drei naturbelassene Tabake, die je eine dominante Geschmacksrichtung besitzen: Latakia, Virginia oder Perique.

Ich hatte die Image-Reihe noch einmal ganz bewusst geraucht mit dem Ziel, die gängigen Tabakarten gewissermaßen in ihrer Reinform genießen und später identifizieren zu können. Wusste ich erst einmal – so lautete meine Idee – wie reiner Virginia und reiner Perique schmeckt, dann würde ich jeden Tabak geschmacklich analysieren können. Das würde Eindruck machen im Pfeifenclub!

Gedacht, getan! Nach dem intensiven Training mit den Image-Tabaken wagte ich mich also letzte Woche an mein erstes Analyseopfer. In einem Anflug von Größenwahn entschied ich mich ausgerechnet für den Bow Legged Bear der amerikanischen Firma Cornell & Diehl.

Diese Mischung aus roten und hellen Virginias, Latakia, Turkish, Perique und Black Cavendish wird gebacken, gepresst und mutet optisch tatsächlich wie ein Brownie an.

Kaum war die Pfeife geladen, ging es auch schon los. Perique und Latakia stürzten auf mich ein. Das erkannte mein frisch geschulter Gaumen sofort. Dann kamen die Virginias. Oder war es doch der Black Cavendish? Halt! Da musste noch einmal genau nachgeschmeckt werden. Ja ganz klar: Virgina! Aber wo war jetzt der Latakia hin? Ich konnte mich auf den Kopf stellen, aber ich schmeckte keinen Latakia mehr! Hastig rauchte ich weiter. Aber der Latakia blieb verschwunden, und auch der Perique schien mir inzwischen auf der Nase herum zu tanzen. Mal war er da, dann auch wieder nicht. So ein Filou!

Und dergestalt endete mein Versuch, die Geschmacksvielfalt des Bow Legged Bear zu ordnen im Chaos. Am Ende sah ich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Es war als hätte ich auf meiner Digitalkamera einmal zu oft gezoomt.

Ihr kennt das bestimmt auch: Man sieht etwas auf einem Bild am Computer oder auf der Kamera, das man nicht klar erkennen kann, weil es recht klein ist. Irgendetwas Rotes vielleicht, das auf der Wiese liegt. Eine Tomate vielleicht, oder eine Blume? Also zoomt man. Es wird größer und größer. Aber anstatt, dass man erkennt, was es ist, sieht man irgendwann nur noch Pixel. Rot-graue Vierecke. Das ganze Bild wird zu einer pixeligen Ansammlung von Vierecken, die nicht mehr zusammen zu gehören scheinen.

Ungefähr so erging es mir letzte Woche bei meinem Analyseversuch. Das Geschmacksbild, das mich sonst auf kleine Urlaubsreisen schickte, wurde pixelig. Und anstatt zu einem schönen Ort in Kalifornien oder der Karibik schickte es mich auf eine Hetzjagd nach einzelnen Geschmackspixeln. Nächsten Sonntag werde ich es tunlichst unterlassen zu analysieren. Ich werde nur das tun, worauf es bei einem Urlaub – auch beim  Kurzurlaub mit der Pfeife – ankommt: Genießen! Weiter nichts.

Epilog:
Vor einigen Wochen hat mich Klaus Peter Will, Herausgeber und Chefredakteur von Smokersplanet.de, gefragt, ob mich mir vorstellen könne, in regelmäßigen Abständen eine Kolumne für den wöchentlichen Smokersplanet-Newsletter zu schreiben. Darüber habe ich mich sehr gefreut und natürlich zugesagt. Bei meinem heutigen Text handelt es sich um meinen ersten Beitrag auf Smokersplanet.de.

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