Die rote Corvette

Nach einer schweren Bronchitis und fast drei Wochen Rauchpause habe ich mich am Samstag das erste Mal wieder an die Pfeife getraut. Und prompt kam eine alte Bekannte in einem roten Auto angerauscht, die ich lange nicht gesehen hatte. Auch, weil ich sie nicht hatte sehen wollen. Aber ich will Euch alles von Anfang an erzählen. Und angefangen hat alles mit einem Tabak.

Der Summertime 2013 von Peterson

Für meine Rückkehr ins Reich des blauen Dunstes hatte ich mir einen Sommertabak zugelegt. Es handelte sich um den Summertime 2013 von Peterson, eine Virginia-Mischung mit Cavendish und ein wenig Burley. Das Aroma ist geprägt von einer angenehm süßen Mangonote und einem Hauch karibischen Rums. Ein richtiger Sommertabak also und genau der richtige Kandidat, um nach langer Zeit der Abstinenz endlich wieder beide zu begrüßen: sowohl den Tabakgenuss als auch den Sommer.

Ich saß also auf meiner Holzbank im Garten, zog vorsichtig, ja ein bisschen ängstlich noch an meiner L’Anatra und ließ den Blick über die Hecken und Bäume zurück auf den kleinen runden Tisch mit dem Steinmuster schweifen, auf dem meine Pfeifentasche, mein Feuerzeug und die Tabakdose des Summertime 2013 lagen. Ich hatte die wunderschöne Dose mit dem Sportwagen, der zwischen zwei Palmen am karibischen Meer entlang braust, natürlich nicht zum ersten Mal gesehen. Aber in diesem Augenblick geschah etwas.

Ganz sicher bin ich nicht. War es der dezente Rumgeschmack, oder war es der Sportwagen, ein 1956er rotes Corvette Convertible, der mich an den Film „The Rum Diary“ denken ließ. In diesem Film, der auf der gleichnamigen Romanvorlage von Hunter S. Thomson basiert, spielt Johnny Depp den trinkfreudigen Journalisten Paul Kemp, den es als Redakteur nach Puerto Rico verschlägt. Dort findet er Zustände vor, die seinen investigativ journalistischen Ehrgeiz antreiben. Zugleich macht er die Bekanntschaft mit dem einflussreichen PR- und Immobilien-Berater Sanderson, den der fantastische Aaaron Eckhart verkörpert. Sanderson will Paul als Texter für ein ausbeuterisches Projekt gewinnen, das genau jene Missstände verstärken würde, die Paul am liebsten lautstark anprangern würde.

Das sichtbare Symbol für Pauls Gewissenskonflikt ist ein 1956er rotes Corvette Convertible, Sandersons Lieblingsauto, das er Paul jovial zur Verfügung stellt. Im Film gibt es eine Szene, in der man Paul in der roten Corvette über eine Landstraße direkt am karibischen Meer entlang sausen sieht. Es könnte fast die Szene auf der Tabakdose sein.

Für Paul jedenfalls stellt sich immer dringlicher die Frage, ob er Sanderson als PR-Texter bei dessen zweifelhaften Machenschaften unterstützt und dabei sein journalistisches Ethos verrät oder den Verlockungen des Geldes widersteht und seine Schreibkunst in den Dienst der Wahrheit stellt. Irgendwann fällt der Groschen. Paul entscheidet sich für die Wahrheit und muss die rote Corvette wieder zurückgeben.

Vordergründig geht es im Film also um den Widerspruch zwischen käuflicher Überzeugung, namentlich PR, und wahrer Überzeugung, Journalismus. Nun bin ich, wie viele von Euch wissen, selbst PR-Berater. Bevor jetzt die Aha! Blitze durch Eure Hirne zucken, möchte ich ganz schnell betonen, dass ich hier auf Zungenbrand.de keine Kundenarbeit leiste, sondern nur meine persönlichen Ansichten zum Besten gebe. Wie auch immer dem sei, jedenfalls glaube ich aufgrund meiner beruflichen Erfahrung Eines sagen zu können: PR wegen ihrer vermeintlichen Käuflichkeit moralisch zu verurteilen ist als verlange man von einem Strafverteidiger die Position des Richters einzunehmen. So funktioniert das System aber leider nicht, liebe Moralisten! Weder im Gerichtssaal noch in einer Demokratie.

Und zu glauben, Journalisten seien stets auf der Suche nach der Wahrheit, ist vermutlich ebenso blauäugig. Journalisten sind in unserem Bild ebenfalls nicht der Richter. Sie sind eher so etwas wie ein Nebenkläger. Ihr Götze sind die Auflage oder die Quote, und ihr Mandant die Agenda ihres Mediums, die dem Götzen dienen soll. Die ARD werden niemals lobend über das tolle Engagement von McDonalds für kranke Kinder berichten, das Handelsblatt würde niemals den Satz schreiben „Sahra Wagenknecht hat Recht!“.

Der Unterschied zwischen wahrer und käuflicher Überzeugung taugt meiner Meinung also nicht, um den Kern des Unterschieds zwischen PR und Journalismus zu beschreiben. Ebenso wenig taugt übrigens der Unterschied zwischen PR und Journalismus wiederum dazu, um das Dilemma zu beschreiben, in dem Paul Kemp in „The Rum Diary“ steckt. Die rote Corvette ist nicht das falsche Auto für ihn, weil es ihm für seine PR-Aktivitäten geliehen wird. Es schlichtweg so, dass dieses Auto nicht ihm und auch nicht zu ihm gehört. Es ist ein Traumauto, aber es passt nicht zu ihm. Sehr wohl passt es aber zu Sanderson. Und genau darum geht es meiner Ansicht nach in diesem Film. Um die Frage: Passt das, was ich tue zu meiner Persönlichkeit, oder muss ich mich selbst verleugnen, um zu tun, was ich tun muss?

Diese Frage war die ungeliebte Bekannte, die mich am Samstag aus der roten Corvette auf der Tabakdose anlächelte. Zum Glück nur ganz kurz. Denn sie kann einen wirklich ins Grübeln bringen, finde ich. Ich jedenfalls zog, wo sie nun schon einmal hier war, an meiner L’Anatra, schmeckte die leichte Süße der Mango und die würzige Schwere des Rums im Summertime 2013 und dachte mir: Ja, das, was ich gerade jetzt, in diesem Augenblick tue, passt sehr gut zu mir. Das bin ich. Und die alte Bekannte brauste wieder davon. Vielleicht zu Philipp Rösler, Peer Steinbrück oder Barack Obama. Ich glaube, dort ist sie in letzter Zeit oft zu Gast gewesen.

Ähnliches Thema:

7 thoughts on “Die rote Corvette

  1. p.s.abe ich gerade entdeckt, dass WordPress einen Absatz weggezaubert hat. Habe ich jetzt ergänzt. Ist jetzt der dritte Absatz. Danke für Eure Kommentare übrigen!

    • Ist ein schöner Film – lustig und melancholisch zugleich. Aaron Eckart ist übrigens der aus “Thank you for smoking” ;-) Grüße nach Berlin

      • Moin Patrick,
        ich habe mir den Film gerade (endlich) angesehen. Das war ja seltsam. Ist ja immer interessant, was man da so sieht in Filmen. Also, ich hab da jetzt eigentlich nur somehow verpeilte Alkoholiker gesehen, die von einer Situation in die andre schlittern. Dieses ganze PR-Dilemma, was du beschreibst, habe ich mir viel gewaltiger vorgestellt. Ja, ist drin im Film, seltsam melancholisch aber und dadurch gut. Ich hatte mir aus deinen Erzählungen was ganz anderes vorgestellt. Danke für den Tipp.

        • Hi Tillmann, ja ist ein wenig abgedreht der Streifen. PR-Dilemma in geballter Ladung gibt’s übrigens in “Thank you for Smoking”, wo Aaron Eckhart eine ganz ähnliche Rolle spielt. Wir quatschen die Tage mal – wenn wir wieder mitten drin stecken im PR-Dilemma ;-)
          Grüße
          Patrick

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>