Von Aromen, Verpackungen und Sprichwörtern

Noch gibt es sie: Pfeifentabake, deren Verpackung nichts weniger als ein Genussversprechen gibt.

Sprichwörter sind keine allgemeingültigen Wahrheiten. Manchmal passen sie ganz gut, um eine Situation pointiert zu beschreiben oder zu kommentieren. Niemals jedoch sollte man aus einem Sprichwort ableiten, was im Einzelfall zu tun ist.

Nehmen wir den geläufigen Satz „Der Zweck heiligt die Mittel“. Das Tückische bei der Anwedung dieser Binsenweisheit ist, dass das eigentlich zu Diskutierende meistens in den Hintergrund gedrängt wird. Statt darüber zu sprechen, ob die gewählten Mittel die richtigen seien, wird suggeriert, dass es die einzigen seien, und die Aufmerksamkeit auf die Dringlichkeit des Zwecks gelenkt.

Dieser erschlichenen Stringenz bediente sich diese Woche auch der EU-Gesundheits- und Verbraucherschutzkommissar Tonio Borg. Am 19. Dezember hatte die Europäische Kommission einen Vorschlag zur Verschärfung der Tabakrichtlinien abgenickt, der sich ziemlich gewaschen hat. Borg triumphierte:„Die Verbraucher dürfen nicht in die Irre geführt werden: Tabakerzeugnisse müssen wie Tabakerzeugnisse aussehen und schmecken, und dieser Vorschlag stellt sicher, dass ansprechende Verpackungen und Aromen nicht als Marketingstrategie eingesetzt werden.“

Nun, zu diesem „Vorschlag“ will ich mich im Detail gar nicht äußern. Nur soviel: Tabakerzeugnisse mit charakteristischen Aromen, wie etwa Mentholzigaretten, sollen verboten werden, und Dreiviertel der Verpackungsoberfläche der noch verbleibenden Produkte sollen größere Warnhinweise als bisher nebst farbigen Bildern rauchgeschädigter Organe zieren. Ein Ziel dieser Maßnahmen ist es, junge Menschen vom Rauchen fernzuhalten. Weitere Details findet Ihr hier.

Dass Verbraucher, wie Borg sagt, nicht in die Irre geführt werden sollten, ist wohl klar. Über den Zweck dieses Pamphlets besteht schon mal keine Uneinigkeit. Schon bei der daraus abgeleiteten Forderung, Tabakerzeugnisse müssen wie solche aussehen und schmecken, indes begibt sich der Kommissar auf dünnes Eis. Suggeriert sie doch, geschmacklich verfeinerte Tabakerzeugnisse könnten sich so weit vom Tabakgeschmack entfernen, dass wir – die blau umnebelten Verbraucher – gar nicht mehr merkten, was wir da eigentlich rauchen.

Wir Pfeifenraucher haben es naturgemäß häufiger mit gesoßten beziehungsweise aromatisierten Tabaken zu tun als Zigarettenraucher. Und mir ist wirklich noch kein Pfeifenraucher begegnet, dem es dabei nicht um die Verfeinerung des Tabaks gegangen wäre, sondern lediglich um den Geschmack von Mirabelle, Vanille oder Orange. Falls es unter meinen Lesern dennoch so beschaffene Pfeifenraucher gibt, empfehle ich ihnen: „Nehmt an Stelle der nächsten Pfeife doch besser einen Obstsalat mit Vanillezucker zu Euch!“

Die Behauptung, Verbraucher vergäßen beim Genuss aromatisierter Tabake, dass es sich um Tabake handelt, ist ähnlich absurd wie die Behauptung, Kaffeetrinker vergäßen, dass sie Kaffee trinken, wenn sie Milch und Zucker hinzugeben. Wenn dem so wäre, hätten sie gewiss nichts dagegen, dass man ihnen künftig ein Glas heiße Milch mit Zucker serviert. Ich glaube, sie hätten etwas dagegen. Ich jedenfalls wäre stinksauer.

Was Borg offenbar nicht ahnt, ist die Tatsache, dass Verbraucher keine blöden Herdentiere sind, die sofort anfangen zu fressen, wenn man sie auf den grünen Weiden der Verkaufsregale grasen lässt. Verpackung und Aroma sind für ihn nur Mittel des Marketings. Für uns Genussraucher allerdings sind sie Teil des Gesamterlebnisses Rauchen. Wir entscheiden bewusst, in welche Richtung wir unsere Genussreise antreten wollen. Für mich etwa ist die Verpackung des Tabaks dabei so etwas wie die Startbahn für die Phantasie, und das Aroma des Tabaks sind ihre Flügel. Verpackung und Aroma sind keine bloßen Verkaufstricks. Sie sind Teil des Genusses, für oder gegen den wir uns bewusst entscheiden. Nicht irgendwelche Reize, die in uns mechanisch einen Schalter umlegten, und die darum verboten gehörten.

Es mag ja richtig sein, dass man etwas zur Suchtprävention tun muss. Aber Genussraucher und Suchtraucher dabei in einen Topf zu werfen, kräftig umzurühren und das Ganze dann über der Flamme des Jugendschutzes zum Überkochen zu bringen ist ein Ragout, das mir nicht schmeckt.

Aber vielleicht fischt die EU-Kommission uns Pfeifenraucher ja wieder heraus aus dieser Unsuppe. Laut einem FAZ-Artikel vom 19.12. wolle die EU-Kommission bei unseren Tabaken wie auch bei Zigarren und Zigarillos etwas milder vorgehen als bei den Richtlinien für Zigarettentabake. Was das konkret bedeutet, ist dort indessen nicht zu lesen. Man kann nur hoffen, dass die Kommission die „Kirche im Dorf“ lassen und nicht „das Kind mit dem Bade ausschütten“ wird. Denn schließlich will die Kommission doch den mündigen Verbraucher stärken und nicht den Verbraucher stark entmündigen, oder etwa doch?

Die Tatsache, dass die EU giftige Quecksilberbeleuchtung der Glühbirne vorzieht, stimmt mich indessen vorsichtig pessimistisch. Das Kind könnte bereits im Brunnen liegen. Aber jetzt sei’s genug der Sprichwörter. Doch halt! Eins geht vielleicht doch noch. Denn angesichts des FAZ-Artikels scheint es durchaus angebracht: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.”

Allein, aus all diesen Sprichwörtern jetzt eine Prognose abzuleiten, das will ich mir wirklich verkneifen. Sagte nicht Forrest Gump: „Die EU ist wie eine Pralinenschachtel. Man weiß nie, was man bekommt”? Nun ja, so etwas Ähnliches zumindest. Wie auch immer, jedenfalls stimmt es. Also lassen wir uns überraschen!

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