Vom Mann mit der Zeitung

Seit ich im Jahre 2007 die „Sternennacht“ im Museum of Mordern Art gesehen habe, bin ich ein Fan von Vincent van Gogh, der das Gemälde 1889 im französischen Saint-Rémy-de-Provence geschaffen hat. Kein iPad, kein Flatscreen TV vermag Farben so zum Leuchten zu bringen wie van Gogh. Es ist deshalb immer ein Erlebnis seine Bilder im Original bewundern zu können. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass meiner Frau die Ausstellung „1912 – Mission Moderne“ aufgefallen ist, die noch bis Ende des Jahres im Kölner Wallraf-Richartz Museum zu sehen ist. Denn Teil dieser Ausstellung sind auch einige Gemälde van Goghs.Letztes Wochenende waren wir dann dort und haben uns die Bilder angesehen. Und eines ist mir dabei besonders aufgefallen. Nicht nur weil es besonders schön ist, sondern vor allem, weil es mich zum Nachdenken gebracht hat.

Es geht um das Gemälde „Eingang zum Park von Arles“. Es zeigt den schmalen Weg, der hinein in den Park führt, aus der Perspektive eines Menschen, der sich gerade auf einer breiten Straße außerhalb des Parks befindet. Auf der Schwelle zum Park steht breitbeinig ein Mann mit einer Zeitung, bereit jederzeit in den Park hinein oder hinaus auf die breite Straße zu treten. Den Weg hinein säumen auf Bänken sitzende oder gemächlich schlendernde Menschen. In der Mitte des Bildes teilt sich der Weg und verliert sich im leuchtenden Grün des Parks.

Auf mich hat das Bild wie ein einziges Plädoyer für den Müßiggang gewirkt. Der geschäftige Betrachter geht seinen Weg, um seinem Ziel näher zu kommen. Dann fällt sein Blick auf den Eingang zum Park, auf die Menschen, die ihre Seele baumeln lassen, auf den Weg, der nicht zu irgendeinem Ziel führt, sondern der sich in der grünen Unbestimmtheit des Parks verliert. Und der Park selbst? Hat nicht der Aufenthalt in einem Park gerade das Ziel, wenigstens für eine kurze Zeit einmal ziellos zu sein?

Wie auch immer. Irgendwie hat mich die Situation des Betrachters, der sich vielleicht gerade fragt, ob er sich wie die Besucher des Parks dem Müßiggang anheim geben oder ob er weiter seinen Weg gehen soll – irgendwie hat mich diese Szene an mich selbst erinnert, wenn ich an meinem Pfeifenschränkchen vorüber gehe. Eigentlich habe ich nie Zeit, eine Pfeife zu rauchen. Und eigentlich bringt einen das Pfeiferauchen ja nicht weiter im Leben, oder? Eigentlich hat es keinen Nutzen.

Haben nicht alle schönen Dinge recht eigentlich keinen Nutzen? Nein haben sie nicht. Aber sie haben eine Bedeutung. Und das ist viel wichtiger. Denn ohne Bedeutung ist das Leben sinnlos. Da kann es nützlich sein, wie es will. Ohne Sinn ist es irgendwie – nun ja – sinnlos eben.

Bevor ich aber allzu sehr in philosophische Fahrwasser gerate, noch einmal zu van Goghs Parkeingang. Nicht nur der Widerspruch zwischen den Menschen im Park und der Perspektive des Betrachters auf der breiten Straße hat mich fasziniert, sondern auch der Mann mit der Zeitung. Er steht genau auf der Grenze zwischen Müßiggang und Zielstrebigkeit, zwischen Bedeutung und Nutzen. Erklären lässt sich das leicht: Wir alle kennen die Situation. Zeitunglesen hat etwas Entspannendes, etwas Gemütliches, fast etwas Müßiggängerisches. Aber dann gibt es da die Nachrichten in der Zeitung, die uns unweigerlich zurück in die geschäftige Welt ziehen. Wir regen uns auf über Politiker, fürchten uns vor der nächsten Wirtschaftskrise und fluchen über den Wetterbericht auf der letzten Seite. Wenn ich so darüber nachdenke, ist es vielleicht wirklich so: Wer Zeitung liest, kommt im Inneren des Parks nicht wirklich an.

Und worauf läuft das jetzt alles hinaus, fragt Ihr Euch? Nun, wie die Dinge jetzt liegen, gehört das Pfeiferauchen wie ein Spaziergang im Park zu den Dingen, die man nicht tut, um ein bestimmtes Ziel zu verfolgen. Ganz im Gegenteil muss man von seinen Zielen loslassen können, um zu genießen. Man muss Müßiggänger werden. Die Zeitung aber lässt einen nicht. Sie zieht einen wie ein unsichtbarer Magnet zurück auf die breite Straße. Wenn ich eine Pfeife rauche, will ich aber nicht auf die breite Straße. Ich will in den Park, und deshalb lese ich ab heute keine Zeitung mehr beim Pfeiferauchen. Auch das Internet bleibt aus. Denn was für van Gogh die Zeitung war, ist für uns heute vielleicht das Internet. So und jetzt klappe ich den Laptop zu und starte meinen Selbstversuch. Auf in den Park! Und van Gogh rufe ich mit Don McLean zu: „Now I think I know what you tried to say to me”.

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