Vom Totenschädel mit Pfeife

Ich kann mich nicht an viele Dinge erinnern, die mit meinem Großvater zu tun haben. Es gibt da einen Waldspaziergang mit ihm, an den ich hin und wieder denke, und die
Tatsache, dass er Pfeifenraucher war. So kann ich mich etwa an seine große dunkle Pfeife erinnern, die oft auf dem Wohnzimmertisch meiner Großeltern lag. Viel mehr ist da aber leider nicht. Wen wundert’s, denn immerhin war ich kaum vier Jahre alt, als er starb. Das ist alles lange her. Und doch habe ich mir oft gewünscht mehr über diesen Mann zu erfahren, der nicht nur mein Großvater sondern auch mein Taufpate war. Letzte Woche erfuhr ich dann ganz unverhofft tatsächlich noch etwas über ihn: Mein Opa war ganz offensichtlich ein Spaßvogel!

Ungefähr so muss er ausgesehen haben - der Corpus Delicti

Mein Vater erzählte mir eine Geschichte, die mich laut auflachen ließ. Eines hat sich ganz offensichtlich über die Generationen erhalten: Wie mein Vater vor mir hatte auch sein Vater vor ihm einen ganz speziellen Sinn für Humor, der sich durch eine gewisse Lust am Skurrilen und darüber hinaus vielleicht als etwas derb bezeichnen ließe.

Ich will Euch die Geschichte erzählen, von der ich letzte Woche hörte. Vielleicht wird dann etwas klarer, was ich mit diesem besonderen Sinn für Humor meine.

Sie beginnt irgendwann in den späten 40er Jahren des letzten Jahrhunderts in Königsdorf, einem damals noch recht kleinen Dorf westlich von Köln. An der Aachener Straße, die sich schon damals von Köln aus Richtung Aachen mitten durch das Dorf schnitt, gab es einen kleinen Garten. Dieser befand sich ungefähr dort, wo heute die örtliche Videothek – ja so etwas gibt es bei uns in Königsdorf noch – ist. In diesem Garten spielte ein kleiner, blonder Junge von ungefähr anderthalb Jahren. Bei seiner Entdeckungsreise stieß der Junge auf etwas höchst Interessantes: einen runden, harten Ball, der lachte. Nun ja, genauer gesagt schien er ziemlich gruselig zu grinsen. Aber das störte den kleinen Jungen nicht. Hauptsache, der Ball lies sich durch den Garten rollen. Und das klappte ganz wunderbar.

Was der kleine Junge dort gefunden hatte, fragt Ihr Euch? Tja, das ist rasch erzählt. Der Garten gehörte zum Haus des örtlichen Arztes. Dieser hatte sich ganz oben unterm Dach ein Studierzimmer eingerichtet. In diesem Studierzimmer indes, direkt am
Fenster, hatte der Doktor ein menschliches Skelett zu Forschungszwecken postiert. Und dieses hatte aus nicht überlieferten Gründen den Kopf verloren. Das war der lustige Ball, mit dem mein Vater spielte, als ihn mein Großvater fand. Zumindest stelle ich mir vor, dass es ungefähr so abgelaufen ist.

Mein Großvater hätte nun bei dem Arzt klopfen können und dem Forschungsobjekt seinen rechtmäßig angestammtes Haupt zurückgeben können. Aber die Gelegenheit war viel zu verlockend. Wann findet man schon mal einen echten Schädel, ohne dass gleich ein Verbrechen vermutet werden muss? Mein Gott, die Gelegenheit muss man doch ergreifen, um eine Menge Blödsinn zu machen, oder etwa nicht?

Nun ja, mein Großvater jedenfalls muss das so empfunden haben. Denn beim nächsten Gang in die Dorfkneipe legte er den Sprössling des Wirtes ins Nachbarzimmer und ersetzte ihn durch den Kopf des Studienobjekts. Dieser lag nun bis zum nicht vorhandenen Hals mit der Daunendecke bedeckt und mit einem weißen Mützchen versehen in der Kinderwiege. Mein Großvater kam aus dem Kinderzimmer und bemerkte wie beiläufig zur Tante des Kindes:

„Ich glaube, der Kleine weint.“

Die Reaktion der Tante, als sie statt des friedlichen Kindes den Totenschädel vorfand, ist nicht bekannt. Viele Küsse der Dankbarkeit werden allerdings für meinen Großvater
wohl kaum angefallen sein.

Nach diesem gelungenen Streich ward der Schädel noch einige Male des Nachts an der Aachener Straße gesehen. Vornehmlich ortsunkundige Spaziergänger flüchteten nicht selten panisch vor einem durch Kerzenschein erleuchteten Totenkopf. Seinen letzten Streich indessen versetzte der Schädel wiederum in einer Kneipe.

Es war Vollmond. Und wie immer, wenn es Vollmond war, wurde etwas mehr getrunken als sonst so üblich. Ein Bekannter meines Großvaters pflegte diesen Brauch besonders gewissenhaft. Er legte dann immer seine Mütze und seine Pfeife auf dem
mannshohen Heizkörper neben der Eingangstür seiner Stammkneipe ab. Und wenn er dann dem üblichen Brauch genüge getan hatte, griff er Mütze und Pfeife und machte sich auf dem Heimweg.

An jenem Abend Ende der 40er Jahre allerdings staunte er nicht schlecht. Denn irgendwer hatte seine Mütze aufgesetzt, seine Pfeife im Mund und starrte ihn aus großen, dunklen Augen fürchterlich breit grinsend an.

Wen der Bekannte meines Großvaters zu sehen glaubte, wissen wir nicht. Jedenfalls schlug er laut knallend die Hacken zusammen und salutierte mit militärischem Gruß vor dem Totenschädel. Das Kneipenpublikum war begeistert.

Dies war der letzte Streich meines Großvaters mit dem Studienobjekt des Arztes. Was danach mit dem Schädel geschah, entzieht sich meiner Kenntnis. Auch das Schicksal der Pfeife ist nicht überliefert.

Hat sich der Bekannte meines Großvaters seine Pfeife genommen, sich vielleicht höflich für die Aufbewahrung beim Schädel bedankt und genüsslich rauchend den Heimweg angetreten? Oder hat er stattdessen erkannt, was da wirklich seine Pfeife im
Mund trug, und Hals über Kopf das Lokal verlassen, vielleicht sogar ohne sich Pfeife und Hut zu greifen?

Es sind keine wichtigen Fragen, die da unbeantwortet bleiben. Es geht ja schließlich nicht um große historische Zusammenhänge, oder so etwas Ähnliches. Aber diese Fragen gehören seit letzter Woche zu jenen ungefähr 1.000 Fragen, die ich meinem
Großvater gerne stellen würde – wenn das nur möglich wäre.

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