Über Festhalten und Loslassen

Geschafft. Er kann’s. Mit dem Stolz des liebenden Vaters sah ich meinem vierjährigen Sohn letzten Sonntag hinterher. Es war das erste Mal, dass er völlig eigenständig auf seinem kleinen roten Fahrrad vor mir her fuhr. Stolz sah ich, mit was für einer Inbrunst er in die Pedalen trat. Ein kleiner Mann voller Abenteuerlust auf seinem Weg in die weite Welt.

Da fährt er …

Aber es war auch Angst dabei. Denn er wurde irgendwann so schnell, dass ich nicht mehr hinterher kam. Jetzt würde ich ihn nicht mehr beschützen können, wenn er das
Gleichgewicht verliert, nicht mehr in letzter Sekunde nach dem Gurt greifen können, den ich ihm für genau diesen Zweck umgebunden hatte.

Nun ja, wir hatten eine Strecke im Wald gewählt, die ziemlich ungefährlich war. Schlimmstenfalls hätte er einen Sturz in die Brennnesseln hingelegt. Nicht gerade angenehm, aber auch nicht unbedingt tödlich. Insofern war das Risiko also begrenzt.

In meiner Angst aber war mehr enthalten als nur die Vision eines mit roten Quaddeln übersäten Schreihalses. Es war die Angst vor dem, was ihm alles geschehen könnte. Nicht jetzt hier im Wald. Sondern später, wenn er einmal im Straßenverkehr unterwegs
war – womöglich ganz alleine oder mit Freunden, die ihn zu riskanten Manövern ermutigen würden. Mein Gott, ich durfte gar nicht darüber nachdenken, welche Folgen ein einziger Augenblick der Unachtsamkeit haben könnte.

Über etwas anderes dachte ich indessen sehr wohl nach. Was, wenn ich ihm das Fahrradfahren nicht beibrächte? Vor wie vielen Gefahren ich ihn dadurch bewahren könnte! Gut, er wäre vielleicht in den Augen der anderen Kinder der uncoole Junge, der nicht Fahrrad fahren kann. Aber was sollte es? Er wäre sicher.

Am Abend stopfte ich mir meine Peterson. Irgendwie ließen mich meine Gedanken über die Erlebnisse des Tages nicht los. Und so fiel meine Wahl auf den „Bow Legged Bear“, den o-beinigen Bären, von Cornell & Diehl – der stärkste Tabak, den ich je
geraucht hatte. Genau das brauchte ich jetzt.

Der Tabak ist eine Perique lastige, gebackene Mischung mit leichtem Latakiaaroma, die in der Dose ein wenig aussieht wie ein Brownie. Einfach und angenehm ist es nicht, diesen stark qualmenden Tabakkuchen so anzurauchen, dass er nicht wieder ausgeht. Erst wenn man sich eine anständige Glut erarbeitet hat – ja so muss man das in diesem Fall wirklich sagen – erst nach dieser Arbeit beginnt der Genuss. Und
wehe, wenn sie ausgeht! Dann beginnt die Arbeit aufs Neue.

Wer allerdings glaubt, auf Nummer sicher gehen zu können, indem er durch ständiges Ziehen an der Pfeife die Glut in Gang hält, der wird bald im dichten Rauch dieses stark
qualmenden Tabaks verzweifeln. Ein Genuss des o-beinigen Bären ist nur möglich, wenn man das rechte Maß findet zwischen Kontrolle durch Ziehen an der Pfeife und entspanntem Abklingen lassen der Glut. Man muss die Dinge laufen lassen können und nur im rechten Augenblick einzugreifen wissen. Nur so wird man mit dem o-beinigen Bären fertig.

Wenn man es aber schafft, das rechte Maß zwischen Laufen lassen und Kontrolle zu finden, dann lässt sich der „Bow Legged Bear“ wirklich genießen. Dann ist er ein toller
Tabak.

Nach dieser Erkenntnis lehnte ich mich zufrieden in meiner Bank zurück. Ich nahm einen vorsichtigen Zug an meiner Pfeife und dachte abermals an die Ereignisse im Wald. Diese ganz besondere Mischung zwischen Kontrolle und Laufen lassen, die der
Schlüssel war zum Genuss meines Tabaks, war sie es vielleicht auch, mit der ich meinen Sohn in die Welt entlassen sollte?

Ja, ich glaube, so ist es. Mit dieser Mischung wird man nicht nur mit dem „Bow Legged Bear“ fertig, sondern auch mit dem Leben.

So weit so gut. Dass es im Leben und in der Erziehung nicht um das eine richtige
Extrem geht sondern um die richtige Mischung aus zwei Gegensätzen, weiß ich nun. Das hatte mich der o-beinige Bär gelehrt. Jetzt brauche ich nur noch einen Tabak, der mir offenbart, wie diese richtige Mischung aussieht. Wann heißt es Kontrolle walten zu lassen und wann gilt es die Dinge laufen zu lassen? Noch habe ich den Tabak nicht gefunden, der mir diese Frage beantwortet. Aber ich werde meine Bemühungen intensivieren und die eine oder andere Pfeife mehr rauchen als sonst. Natürlich nur um der Erkenntnis willen!

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