Vaterfreude schlägt Pfeife

Eigentlich wollte ich über einen ganz besonderen Tabak schreiben, den ich für mich entdeckt habe. Zur Einstimmung – so sah es mein Plan vor – würde ich mir eine Pfeife dieses Tabaks gönnen, um dann, noch mit dem herrlichen Geruch von Virginia-Tabak und der Früchte des Marula-Baumes in der Nase, zu Werke zu gehen. Wie gesagt, so hatte ich mir die Sache vorgestellt. Und wie so oft im Leben, kam es natürlich ganz anders.

Inzwischen ist es später Abend; die Pfeife, meine brandneue L’Anatra, steht immer noch rauchfertig auf ihrem Platz. Der Grund dafür ist eine dieser Erfahrungen, denen man beim besten Willen und mit Aufbietung aller Kräfte der Phantasie nichts Positives abgewinnen kann – außer vielleicht der Tatsache, dass man irgendwann einmal darüber lachen kann. Eines vorab: ich lache nicht!

Ihr glaubt, ich dramatisiere vielleicht ein wenig? In Wahrheit war vermutlich alles nur halb so schlimm? Na, dann lest mal, was sich heute im Hause Klein zugetragen hat.

Mein ältester Sohn, vor einigen Wochen ist er drei Jahre alt geworden, ist auf dem besten Wege, wie man so sagt, „trocken“ zu werden. Er gibt Bescheid, wenn er „Pipi“ oder „AA“ muss. Zumindest gibt er sich allergrößte Mühe. Und ich muss sagen, dass es meistens wirklich gut klappt. Manchmal jedoch geht etwas schief.

Heute – es muss so um die Mittagszeit gewesen sein – war es wieder soweit. Der Sohn sprach die magischen zwei Buchstaben aus, und der Vater ließ alles stehen und liegen – darunter auch die fertig geladene L’Anatra – um den Sohn rechtzeitig dort zu positionieren, wo man früher mit der Fernsehzeitung hinging und heute mit dem iPhone hingeht. Meine Eile war berechtigt. Immerhin handelte es sich um ein großes Geschäft, das sich da anbahnte. Und große Geschäfte, das weiß jeder, der sich in der Wirtschaft auskennt, verlangen vollste Konzentration.

Wohlan, wir schafften es pünktlich. Wie so oft im Geschäftsleben, wurde es allerdings nichts aus dem angekündigten „Big Business“. Stattdessen ein munteres Plätschern. Macht nichts, sagte ich mir, auch das erfüllt die Vaterseele mit Stolz. Ich lobte meinen Sohn, schickte ihn zurück zu seinen Legosteinen und war gedanklich bereits wieder bei meiner L’Anatra.

Plötzlich bemerkte ich etwas Weiches, das an der Ferse meiner Socke klebte. Kaugummi im Badezimmer? Das konnte nicht sein. Ich fühlte mit der Hand, um was es sich handelte. Nun, das hätte ich besser unterlassen!

Was war geschehen? Um bei der Wahrheit zu bleiben, muss ich gestehen, dass ich die Ereignisse nur rekonstruieren kann. Aber aller Wahrscheinlichkeit nach ist Folgendes passiert: Die Ankündigung des großen Geschäfts war keine bloße Drohung meines Sohnes gewesen. Allerdings hatten wir es wohl doch nicht rechtzeitig geschafft. In dem kurzen Augenblick, da er ohne Hose vor der Toilette stand, muss es geschehen sein. Allerdings unbemerkt von Vater und Sohn, die weiter dem vertrauten Ablauf folgten.

Etwas ging daneben. Etwas, das sich an meine rechte Socke und am Hüttenschuh meines Sohnes heftete und eindeutige Fußspuren hinterließ. Diese bemerkte ich unmittelbar, nachdem ich angewidert erkannt hatte, was ich unter meiner Socke hatte. Es war verdammt noch mal kein Kaugummi. Ich verzog das Gesicht, drehte es weg, sah auf den Badezimmerteppich. Die Gesichtszüge entgleisten mir. Irgendwie musste ich an den Tatort von gestern Abend denken: Eine Frau war aus dem Haus des Mordopfers geflohen und hatte blutige Fußabdrücke hinterlassen. Nur eben, dass das hier kein Blut war.

Auf einem Bein hüpfend, die beschmutzte Hand abgespreizt, als wollte ich einen Pinguin mimen, nahm ich laut schreiend die Verfolgung meines Sohnes auf.

Ihr könnt Euch vorstellen, dass meine Pfeife erstmal nicht im Fokus meiner Aufmerksamkeit stand. Das Kind musste gewaschen, zwei Teppiche gereinigt, einige Fliesen samt Fugen gebürstet, eine Socke und mehrere Hosen in die Waschmaschine gesteckt werden. So verbrachte ich die Zeit, die ich für meine L’Anatra verplant hatte, mit anderen Dingen. Und danach hatte ich keine Lust mehr über meine neue Tabakentdeckung zu schreiben. Ich hatte jetzt einen anderen Geruch in der Nase als den von Virginia-Tabak und Früchten des Marula-Baumes. Aber ich verspreche Euch: die Sache wird in den nächsten Wochen nachgeholt!

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One thought on “Vaterfreude schlägt Pfeife

  1. Hallo Patrick,
    ich beneide Dich! Einmal um die sehr schöne L’Anatra, aber vielmehr um die Erlebnisse mit Deinem Kinde. Als Vater von vier zwischenzeitlich sehr erwachsenen Söhnen weiss ich nämlich, dass das, was Dir jetzt als Kacke an der Hacke erscheint, später zu Deinen liebsten Erinnerungen gehören wird. Es ist ein Geschenk, die Zeit auskosten zu dürfen, die unsere Kinder mit uns verbringen wollen. Auch wenn uns manches Erlebnis im ersten Augenblick beschissen erscheinen mag.
    Danke, dass Du uns daran teilhaben lässt. Liebe Grüße an den Sprössling!

    Billy Bones

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