Das malische Kamel

Es gibt Geschenke, deren Zweck es ganz und gar nicht ist, dem Beschenkten eine Freude zu bereiten. Das bekannteste Geschenk dieser Art ist das trojanische Pferd. Der listige Odysseus hat es sich ausgedacht, um dem Krieg der alten Griechen gegen die Trojaner die entscheidende Wendung zu geben. Die Griechen schenkten, nachdem sie es in zehn zermürbenden Kriegsjahren nicht geschafft hatten, die trojanischen Stadtmauern zu überwinden, den Feinden ein riesiges hölzernes Pferd. Sie erklärten sich als geschlagen und zogen sich scheinbar zurück. In Wahrheit befanden sich im Inneren des hölzernen Geschenks griechische Krieger. Deren Auftrag war klar definiert: Nachdem die Trojaner das vermeintliche Siegesgeschenk ins Innere ihrer Festung gebracht hatten, würden sie dem Inneren des geschenkten Holztieres entsteigen, um den anderen Kriegskameraden die Tore zu öffnen. Gesagt getan. Die Griechen gewannen den Krieg, und bis heute gilt das trojanische Pferd als Sinnbild für Geschenke, die mit böser Absicht gemacht werden.

In der letzten Woche wurde bekannt, dass der französische Präsident François Hollande eine interessante Erfahrung gemacht hat: Offenbar können auch gut gemeinte Geschenke im Desaster enden. In diesem Fall war es kein Pferd aus Holz, sondern ein Kamel aus Fleisch und Blut.

Aus Dankbarkeit für den französischen Einsatz in Mali, hat man dem Präsidenten bei einem Besuch im Februar ein in eine französische Flagge gehülltes, lebendiges Kamel geschenkt. So recht wusste Hollande nichts mit dem Geschenk anzufangen. Zunächst wollte er es dem Pariser Zoo überlassen, dann entschied er sich anders. Er gab das Kamel weiter an eine malische Familie. In der letzten Woche wurde nun bekannt, dass diese Hollandes Kamel offenbar verspeist hat.

Wer jetzt laut ins Hohngelächter verfällt, tut Hollande meines Erachtens Unrecht. Im Grunde kennen wir seine Situation doch alle. Wie oft bekommen wir ein Geschenk, mit dem wir eigentlich nichts anfangen können oder es einfach nicht mögen. Aber um niemanden zu verletzen oder zu kränken, nehmen wir es an.

Ich kann mich beispielsweise sehr gut an eine solche Situation erinnern. Vor einiger Zeit bekam ich einen Tabak geschenkt. Es handelte sich um eine hocharomatische Virginia, Black Cavendish und Burley Mischung mit einer süßen Vanille-Mirabellennote. Dieser Tabak roch derart extrem, dass schon der erste Geruch einen Würgereiz in mir auslöste.

Nun möchte ich nicht den Namen meines Wohltäters nennen. Denn auch ich habe das Geschenk damals angenommen. Und ja: Auf Nachfragen habe ich gelogen. Ich habe etwas gesagt wie: „Der Tabak war wirklich klasse.“

Dass die Mischung von minderer Qualität war, will ich übrigens gar nicht behaupten. Ich glaube sogar, dass es einigermaßen gute Qualität war. Gerade deshalb nenne ich auch die Marke nicht. Was den Würgereiz in mir auslöste war nämlich nicht der Tabak, sondern lediglich die Tatsache, dass er einfach nicht zu mir passte.

Aber zurück zum Geschenk. Man sagt zwar: „Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“. Und da ist sicherlich auch etwas Wahres dran. Dennoch war es mir stets unangenehm, wenn ich wieder einmal auf den besagten Tabak angesprochen wurde und ich mich abermals gezwungen sah eine Lüge aufzutischen.

Irgendwie musste ich letzte Woche daran denken als ich die Geschichte vom malischen Kamel auf Spiegel Online las. Wie der französische Präsident hatte auch ich ein Geschenk angenommen, das eigentlich überhaupt nicht zu mir passte. Und wie den Präsidenten hatte auch mich das Geschenk noch einige Zeit verfolgt und mir einige peinliche Situationen beschert.

Was zum Schluss noch bleibt, ist mein inbrünstiger Appell an Euch. Schenkt einem Pfeifenraucher, dessen Tabakgeschmack Ihr nicht kennt, keinen Tabak, und schenkt einem Präsidenten, dessen Haustierwünsche Ihr nicht kennt, kein Kamel! Beides ist bei weitem nicht so schlimm wie ein trojanisches Pferd. Aber peinlich könnte es trotzdem werden.

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