Wieso, weshalb, warum … ich zum Pfeifenraucher wurde

Letzte Woche hatte meine Schwester die Familie anlässlich ihres Geburtstags zum Abendessen eingeladen. Eine liebe Freundin, die meine Schwester und ich noch aus Kindertagen kennen, war auch dort. Judith – so heißt sie – ist keine Pfeifenraucherin. Umso mehr habe ich mich gefreut als sie mir irgendwann sagte, dass sie trotzdem gerne hin und wieder auf Zungenbrand liest.

Ich weiß gar nicht mehr, wie wir darauf kamen. Vermutlich hing es mit unserem Gespräch über Zungenbrand zusammen. Wahrscheinlich sogar. Nun, wie auch immer. Irgendwann jedenfalls fragte mich Judith, wie ich eigentlich dazu gekommen bin Pfeife zu rauchen.

Auf den ersten Blick sollte man meinen, dass diese Frage zu den einfachen Fragen gehörte und nicht mehr und nicht weniger als eine einfache Antwort verlangt. In etwa so wie die Frage:

„Wie bist du eigentlich dazu gekommen, Country-Musik zu hören?“

Eine Antwort wäre schnell gefunden und könnte so oder so ähnlich aussehen:

„Nun, ich habe einmal eine längere Zeit in den USA gelebt, dort des Öfteren die Musik gehört. Sie hat mir gefallen. Fertig.“

So oder so ähnlich hätte das auch letzte Woche ablaufen
können.

„Wie bist du eigentlich dazu gekommen, Pfeife zu rauchen?“

„In einer längeren Sommernacht habe ich gemeinsam mit meinem Freund Daniel die Sache ausprobiert. Ich fand’s gut. Fertig.“

So einfach ist das, nicht wahr?

Nun, die Wahrheit ist: So einfach ist das keineswegs. Denn da steckt noch mehr dahinter. Das Pfeiferauchen war keine zufällige Angelegenheit. Keine Angst, ich will nicht darauf hinaus, dass ich zum Pfeifenraucher wurde, weil es das Schicksal oder gar der Herrgott höchst selbst für mich so vorgesehen hätte. Worauf ich hinaus will, ist die Tatsache, dass sich meine erste Tabakpfeife damals in dieser Sommernacht eher wie eine Antwort anfühlte. Eine Antwort auf eine Frage, die ich mir schon längere Zeit – manchmal bewusst, manchmal unterschwellig – selbst gestellt hatte.

Die Sache ist nämlich die: Schon seit einigen Jahren befand ich mich auf der Suche nach einem Genussritual, das zu mir passt. Das Zigarettenrauchen war mir stets zu hektisch, und das Bier nach der Arbeit schmeckte mir nicht, weil ich Bier eigentlich nur gerne trinke, wenn ich in trinkbereiter Gesellschaft bin. Und mein Genussritual sollte etwas sein, das ich mir selbst ganz allein gönnen wollte.

Mithin probierte ich das berühmte Glas Wein am Abend aus. Wein aber war es auch nicht. Irgendwie missfiel mir der Gedanke nach dem Öffnen einer Flasche genötigt zu sein die Pulle binnen der nächsten Tage zu leeren. Sonst war der edle Tropfen schnell hinüber. Abhilfe konnte da der Whisky schaffen. Schließlich kann man eine und dieselbe Flasche Whisky über Jahre hinweg genießen.

Tja, dummerweise musste ich erkennen, dass Trinken als solches immer nur kurze Sekunden des Genusses zulässt. Selbst wenn man so tut als sei man ein ganz abgefeimter Geschmacksexperte, indem man das Getränk länger im Mund behält als üblich und dabei mit wichtiger Miene kauende Bewegungen mit den Kiefern macht – selbst dann beträgt die Nettogenusszeit eines Glases Whisky vermutlich nicht mehr als eine Minute.

Ziemlich kauzig meine Anwandlungen, was? Nun ja, immerhin bin ich in jener Sommernacht vor zwei Jahren fündig geworden. Die Pfeife war es. Sie fiel so herrlich aus dem Rahmen. Zum Genuss einer Pfeife braucht man wirklich Zeit. Je mehr Zeit man sich indessen nimmt, desto größer ist auch der Genuss. Der Genuss einer Pfeife vollzieht sich also nicht wie bei meinen früheren Experimenten in kurzen Augenblicken, sondern er scheint einen einzigen Augenblick wie Kaugummi so in die Länge zu ziehen, dass wir ihn wirklich mit allen Sinnen und dem Verstand genießen können.

Außerdem ist die Pfeife etwas, das ihren Raucher über fiele Jahre begleiten kann. Auch auf diese Weise versöhnt sie das Augenblickhafte des Genusses mit unserem innersten Wunsch dem Schönen Beständigkeit einzuhauchen.

Dieser Gedanke hat mich von Anfang an am Pfeiferauchen fasziniert. Dass das Stopfen seiner großen dunkelbraunen Pfeife nun zu den wenigen Erinnerungen gehört, die ich an meinen verstorbenen Großvater besitze, mag vielleicht auch noch das Ihre dazu beigetragen haben, dass ich zum Pfeifenraucher wurde. Wer weiß das schon. Jedenfalls habe ich ein Ritual gefunden, das irgendwie zu mir passt.

Das alles ist mir nicht gleich eingefallen, als mich Judith letzte Woche nach meiner Motivation zum Pfeiferauchen fragte. Gut also, dass es Zungenbrand gibt. Jetzt kann sie hier alles nachlesen. Und Ihr könnt das natürlich auch. Ich wünsche Euch eine gute Woche!

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