Der Geist aus der Pfeife

Gestern habe ich etwas ganz altmodisches getan: ich habe im Internet gesurft. Könnt Ihr Euch an die Zeiten erinnern, da man noch im Internet surfte? Es war so Ende der 90er, und es war irgendwie anders im Internet als heute. Ganz klar, es gab noch kein Mitmachinternet, wie Facebook oder Youtube. Aber das meine ich nicht. Ich meine wirklich das so genannte Surfen. Man ließ sich treiben von Link zu Link und entdeckte dabei viele tolle Dinge. Dinge, von denen man nie gedacht hätte, dass es sie gibt. Und heute? Nun ja, heute ist es ein wenig anders, nicht wahr? Heute surfen wir nicht mehr, sondern wir googlen.

Wo da denn bitte der Unterschied liege, fragt Ihr? Vielleicht irre ich mich ja, vielleicht gilt das nur für mich, aber ich habe das Gefühl, dass das Öffnen des Browsers für die meisten von uns kein Start in eine Entdeckungsreise mehr bedeutet. Wir nutzen das Internet inzwischen viel bewusster und vor allem viel zielorientierter als früher. Das, was wir suchen, geben wir bei Google ein, und nur das wollen wir in diesem Augenblick finden. Beim Googlen wollen wir etwas finden, beim Surfen – so scheint es mir jedenfalls – war es eher so, als finde etwas uns.

Ich habe gestern, wie gesagt, nicht gegooglet sondern gesurft. Dabei bin ich auf viele Interessante Beiträge und Videos gestoßen, die um ein Thema kreisen, von dem ich bislang dachte, dass es nur eine Meinung dazu gäbe: die Notwendigkeit der Kruste im Brennraum einer Pfeife.

Für die Anfänger unter uns Pfeifenrauchern will ich kurz erwähnen, was es mit dieser Kruste, dem so genannten Cake auf sich hat: Es handelt sich bei ihr um eine poröse Schicht aus Aschepartikeln, winzigen Tabaküberbleibseln und verbrannten Zuckerstoffen, die sich durch das Rauchen im Inneren des Pfeifenkopfes absetzt und mit zunehmendem Gebrauch der Pfeife an Dicke gewinnt. Sie soll das Holz der Pfeife vor dem Durchbrennen schützen und zur Regulierung der Feuchtigkeit beim Rauchen dienen. All das hielt ich bis gestern für ausgemacht. Eine Pfeife, so glaubte ich, braucht einen Cake.

Seit gestern weiß ich, dass diese Ansicht unter viel erfahreneren Pfeiferauchern, als ich es bin, äußerst umstritten ist. Die Argumente, die vorgetragen werden, lassen sich, glaube ich, auf drei Basisprämissen reduzieren.

Die erste ist die, dass das Pfeifenholz gar keinen Cake braucht, um einen Feuerschutz aufzubauen. Darüber hinaus berichten einige darüber, dass gerade der Cake zu Schäden an der Pfeife geführt habe. Außerdem, so hört man, sorge ein Cake für ungewollte Crossovereffekte, indem sich der Geschmack des verkrusteten Tabaks gewissermaßen in der Pfeife verewigt und so den Genuss anderer Tabake stört.

Es gibt sicherlich noch einige Argumente mehr, die ich hier aber nicht alle aufzählen will, weil ich die drei wiedergegebenen für die wichtigsten halte. Ich sage es geradeheraus: ob die Argumente physikalisch gesehen Hand und Fuß haben – davon habe ich nicht die leiseste Ahnung. Deshalb will ich mich dazu auch gar nicht äußern. Aus eigener Erfahrung kann ich lediglich das dritte Argument bestätigen.

Cake sorgt für Crossovereffekte. Allerdings finde ich gar nicht, dass diese Tatsache gegen den Cake spricht. Gewiss, wenn ich eine englische Mischung in einer Pfeife genießen will, deren Cake durch stark aromatisierte Tabake gebildet wurde, dann kann das den Tabakpuristen schon mal verärgern. Aber solche Extremfälle sind doch eher die Ausnahme, oder etwa nicht?

Wie auch immer; meiner ganz privaten Meinung nach verleiht der Cake einer Pfeife so etwas wie eine Persönlichkeit. Wenn wir mit einer ganz neuen Pfeife starten, dann ist sie gleichsam ein unbeschriebenes Blatt. Mit jedem Mal, wenn wir unsere Pfeife rauchen, verewigen wir dieses Raucherlebnis ein wenig im Cake der Pfeife. Der Cake wird zu so etwas wie das physische Pendant zu unserer Erinnerung an unsere Raucherlebnisse. Der Pfeifenkopf ist nicht mehr hohl – er hat ein eigenes Gedächtnis.

Nun mag es Leser geben, die mir angesichts dieser Gedanken vorwerfen, ich romantisiere das Pfeiferauchen. Was soll ich dazu sagen außer: schuldig im Sinne der Anklage! Allerdings finde ich nicht, dass ich dadurch etwas Falsches oder Irrationales über das Pfeiferauchen sage. Man kann die Dinge wirklich so sehen, denke ich. Außerdem können wir in unserer durchökonomisierten Welt ein wenig mehr romantische Denke vertragen. Aber das ist ein anderes Thema.

Zurück zum Cake: Ja klar, irgendwann entstehen hier und da mal Crossovereffekte. Plötzlich schmecken wir einen anderen Tabak heraus als den, den wir gerade genießen wollten. Die Pfeife wird ein Stück weit unberechenbar. Sie führt ganz plötzlich ein Eigenleben. Sie trifft gleichsam die Entscheidung darüber, wie der Tabak letztendlich schmeckt. Eine Pfeife mit Cake hat also nicht nur ein Gedächtsnis, sondern – die Romantisierungskritiker unter Euch werden jetzt vermutlich toben – sondern auch einen eigenen Willen. Na ja, zumindest im übertragenen Sinn.

Manchmal – meiner Erfahrung nach verdammt selten – entstehen so die scheußlichen Geschmacksvermischungen, vor denen sich der eine oder andere fürchtet. Manchmal bekommt der Tabak aber auch eine ganz besondere Note: eine Note, die nur diese Pfeife mit diesem Cake ihm verleihen kann. Und manchmal überrascht uns unsere Pfeife so mit einem ganz exklusiven Genuss.

Das Rauchen einer Pfeife mit Charaktercake ist ein wenig so, wie das Surfen im Internet: man weiß nie ganz genau, wo es einen hinführt, aber manchmal entdeckt man erfreuliche Dinge. Und wir sind froh, dass wir sie gefunden haben, obwohl wir sie gar nicht gesucht hatten. Freilich, immer will man es nicht dem Schicksal (oder der Pfeife) überlassen, was am Ende herauskommt. Aber hin und wieder macht gerade das das Leben spannend, oder nicht?

Mein Vorschlag deshalb an alle Pfeifenliebhaber: Auch wenn der Cake für die Langlebigkeit einer Pfeife physikalisch nicht notwendig sein sollte und seine Pflege ein wenig Arbeit macht, in mindestens einer Pfeife solltet Ihr dennoch einen wachsen lassen. Denn er verleiht dieser Pfeife die Fähigkeit, Euch zu überraschen. Er macht sie lebendig.

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