Das Böse raucht Pfeife

Vorletzte Woche hatte ich das Vergnügen mir den neuen Film von Quentin Tarantino anschauen zu können. Eigentlich wollten meine Frau und ich uns den „Hobbit“ ansehen. Aber irgendwie passte „Django Unchained“ von den Startzeiten besser. Also rein mit uns in den Western. Und von der zu erwartenden Tarantino-Gewaltästhetik einmal abgesehen, war das wirklich ein erstklassiger Film mit – und jetzt wage ich mich ein wenig aus dem Fenster – mit Tiefgang. Ich rede jetzt nicht davon, dass die Gräueltaten der amerikanischen Sklaverei wirklich abschreckend dargestellt waren. Nein, nein. Ich meine etwas anderes. Ich meine den Deutschen.

Den Deutschen? Ja genau. Ein ziemlich genialer Christoph Waltz spielt den deutschen Kopfgeldjäger Dr. King Schultz. In einer Welt, die mit ihren menschenverachtenden Arbeitslagern, die man dort Plantagen nennt, und ihren sadistischen Aufsehern schon ein wenig auch an die Verhältnisse in Nazideutschland denken lassen, schenkt ausgerechnet ein Deutscher dem Helden, dem afroamerikanischen Sklaven Django, und dessen Frau Broonhilda unter Einsatz seines Lebens die Freiheit. Und das motiviert durch das Nibelungenlied!

Das lässt tausend Interpretationen des Films zu. Ich denke an die faszinierende Rolle der Kunst als Propaganda und Motivationsmedium, an die Kritik an der amerikanischen Sklaverei durch einen impliziten Vergleich mit Nazideutschland und zahllose andere hochtrabende Diskussionen, die dieser Film anstoßen kann. Aber dazu will ich mich gar nicht äußern. Was mich viel mehr interessiert, ist die Rolle des Bösewichts. Die Rolle des Plantagenbesitzers Calvin Candie, gespielt von Leonardo DiCaprio.

An diesem Bösewicht fasziniert mich zweierlei. Erstens ist es ein echter Bösewicht. Nicht einer dieser neumodischen Alibibösewichter wie vegetarische Vampire oder nur die schlimmen Menschen abmurksende Massenmörder. Nein, Calvin Candie ist wirklich grausam und böse – und er raucht Pfeife!

Über den Umweg eines kleinen Exkurses durch die Geistesgeschichte des Bösen möchte ich heute einmal der Frage nachgehen, was Candie zu einem wahren Bösewicht macht und warum es deshalb so erstklassig zu ihm passt, Pfeife zu rauchen.

Beginnen wir da, wo alles begann. Beginnen wir beim Sündenfall. Da hörten Adam und Eva ein Mal nicht auf Gott, und – zack! – waren sie raus aus dem Paradies. Sie aßen vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, und fortan wussten sie Bescheid: Böse ist, wenn man nicht auf Gott hört.

Auch die alten Griechen hatten einen indirekten Begriff vom Bösen, der sich eher darüber bestimmte, was alles nicht gut war. Platon und vermutlich auch Sokrates glaubten daran, dass das Gute darin bestand, dass der vernünftige Teil der Seele über die anderen Teile herrschte. War das nicht der Fall, dann liefen die Dinge nicht so, wie sie sollten. Das galt nicht nur für die eigene Psyche. Platon dehnte diese Ordnung sogar auf die Gesellschaft aus. Entsprechend ordnete er seinen idealen Staat auch so an, dass die weisesten unter den Menschen, die Philosophen, auch deren Könige sein sollten. Seither sehnen sich alle Philosophen insgeheim nach einer Partei, die den platonischen Staat realisieren will. Bislang – glücklicherweise, wenn Ihr mich fragt – vergebens.

Das Böse war bei den alten Griechen eher so etwas wie das Nichtgute. Diese Betrachtung des Bösen durch eine Negativbrille fand in der mittelalterlichen Interpretation des Bösen als purer Mangel an Gutem ihrem vorläufigen Höhepunkt. Alles kam hier von Gott. Entsprechend musste auch alles gut sein. Da es aber nun einmal auch im Mittelalter das Böse gab, so blieb nur noch übrig, es als Mangel an Gutem anzusehen. So in etwa lässt sich die Auffassung beschreiben, die sich von Augustinus ausgehend durch die mittelalterliche Geistesgeschichte zog.

Dass die Interpretation des Bösen als bloße Mangelerscheinung völlig daneben greift, wissen wir Deutschen spätestens seit Goethes „Faust“. Mephisto ist hier alles andere als ein Mängelwesen. Er ist kreativ, witzig und – ja! – manchmal sogar sympathisch. So einfach ist die Sache mit dem Bösen also doch nicht. Fragen wir Mephisto selbst nach seiner Meinung, so sagt er uns:

„Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
ist wert, dass es zugrunde geht;
drum besser wär’s, dass nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz das Böse nennt,
mein eigentliches Element.“

Das Böse ist – so könnte man es vielleicht auf den Punkt bringen – der auf Zerstörung um der Zerstörung willen ausgerichtete Geist, der Intellekt. Und wie kreativ und gerissen kann ein Intellekt sein, wenn er die Zerstörung will! Das hat überhaupt nichts mehr mit Mangelhaftigkeit zu tun, oder? Wir kommen der Sache ganz offensichtlich näher.

Der radikalste Denker des Bösen ist meiner Ansicht nach Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling – ein Zeitgenosse Goethes. Für ihn gibt es eine Art kosmischer Ordnung. Die Ordnung wird bedroht von einer Kraft, die in uns als Wille bewusst wird. Diese Energie sorgt einerseits dafür, dass das Universum immer kreativ bleibt und neue Dinge hervorbringt, indem es sich nie ganz an die vorgegebenen Strukturen hält. Innerhalb der Dehnbarkeit dieser Strukturen ist das aber in der Ordnung.

Andererseits kann diese Kraft im Bewusstsein des Menschen dazu führen, sich selbst zum Herrscher und Mittelpunkt des Universums aufschwingen zu wollen. Solche Menschen – böse Menschen – können keine Gesetzgebung außer dem eigenen Willen akzeptieren. Sie wollen am liebsten die ganze Welt unterjochen, weil sie selbst die Ordnung des Universums bestimmen wollen. Übrigens dieselbe Motivation, aus der heraus Anakin Skywalker in Star Wars sich der dunklen Seite der Macht verschreibt und letztlich zum Darth Vader wird. Wüsste ich es nicht besser, so würde ich glatt behaupten, George Lucas habe Schelling gelesen.

Diese Radikalität hat Friedrich Nietzsche dann etwas später in Zweifel gezogen. Für ihn war der Begriff des Bösen nur ein Mittel schwacher, minder privilegierter Menschen die herrschende Kaste moralisch herabzuwürdigen. So wie wir heute verächtlich von „denen da oben“ sprechen. Die Mächtigen sind auch für uns heute noch nicht selten die Bösen.

Auch wenn Nietzsche psychologisch sicherlich ein Phänomen erkannt hat, so glaube ich dennoch, dass seine Reduktion des Bösen auf dieses Phänomen eine hemmungslose Verharmlosung dessen ist, was wir in der Weltgeschichte und durch persönliche Erfahrungen als das Böse kennen gelernt haben. Also bleiben wir besser bei Goethe und Schelling und betrachten das Böse als intelligenten Wille zu absoluter Macht und damit zur Zerstörung der Ordnung des Universums.

Übrigens kennen wir dieses Phänomen, sich nicht in die vorgegebene Ordnung fügen zu wollen in der Medizin als karzinogene Erkrankungen. Denn Krebszellen breiten ihre Macht ebenfalls hemmungslos aus, ohne dabei Rücksicht auf die vorgesehene Ordnung im Körper zu nehmen und führen dergestalt letztlich zur Zerstörung des Körpers.

Vermutlich ist es der Machthunger, der mit dem Bösen einhergeht, durch den wir vom Bösen so fasziniert sein können. Und der Zerstörungswille ist der Grund für unsere Angst vor dem Bösen. Letztere Eigenschaft unterschlagen uns die meisten neumodischen Darstellungen des Bösen, wie etwa die der Vampire und Werwölfe in der Twilight-Saga. Vielleicht ist das ja auch der Grund dafür, dass der Großmeister der Darstellung des Bösen, Stephan King, die Pointe der Saga wie folgt auf den Punkt bringt: „Twilight is about how important it is to have a boyfriend.“

Wie gesagt, bin ich der Meinung, dass Quentin Tarantino mit seinem Calvin Candie einen Bösewicht erschaffen hat, der sowohl seinen Machthunger als auch seinen Zerstörungswillen auslebt. Aber wozu braucht er dann noch die Pfeife?

Nun ja, das Böse ist zwar irgendwie verabscheuungswürdig. Aber richtig gefährlich wird es erst, wenn der böse Mensch ein gewisses Maß an Intelligenz besitzt. Erst dann lässt sich der Schritt vom gemeinen Gewaltverbrecher zum wahren Tyrannen vollziehen. Nun gilt die Pfeife gemeinhin als ein Accessoire von Kultur und Geschmack. Und wo Kultur und Geschmack sind, ist die Intelligenz nicht weit. Die Pfeife von Calvin Candie zeigt an, dass dieser Bösewicht kein gemeiner Verbrecher ist. Dieses Exemplar hat das Zeug zum Tyrannen. Die Pfeife betont den Geist in ihm, das Kreative und Tyrannenhafte des Bösen, das ihm erst seine eigentliche Macht und seinen wahren Schrecken verleiht.

Zum Glück steht die Pfeife – von Ausnahmen wie Calvin Candie einmal abgesehen – jedoch nicht für das Böse in uns. Meistens steht sie sogar für das Gute in uns. Zumindest ist das meine persönliche Überzeugung.

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