Ein wenig Asymmetrie schadet nie

Vor ungefähr zwei Wochen habe ich mir eine neue Pfeife gekauft. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es die Tatsache war, dass mir zu Weihnachten niemand eine Pfeife geschenkt hatte. Vielleicht war es auch einfach nur wieder an der Zeit. Wie auch immer, jedenfalls entschloss ich mich, mir eine neue Pfeife zu gönnen. Zugleich war ich ein wenig skeptisch. In diversen Foren und Onlineshops hatte ich mir viele Pfeifen angesehen. Aber zum Kauf animiert fühlte ich mich nie. Irgendwie war die richtige Shape nicht dabei. Ich entschloss mich deshalb, einfach zu Pfeifen Heinrichs in Köln zu fahren und mich vom Angebot inspirieren zu lassen.

Leider wurde ich auch hier zunächst nicht fündig. Und im Grunde wollte ich gerade wieder gehen, da sah ich sie: Eine wunderschöne Maserung im hellen, matten Holzfinish, schwarzes Ebonitmundstück, 9mm Filterbohrung, leicht geschwungener Holm, Applikation vermutlich aus Zink und eine Kopfform, die entfernt an einen Trichter erinnert. So lächelte mich die handgemachte Mastro Beraldi an. Diesem Lächeln konnte ich einfach nicht widerstehen, und ich kaufte die von Aldo Pierluigi und seiner Familie in Italien handgemachte Schönheit. Falls Ihr mehr über die Marke Mastro Beraldi erfahren möchtet, schaut mal auf der Website der Familie Pierluigi vorbei: http://beraldipipeitaly.com/

Noch auf dem Weg nach Hause habe ich die Pfeife eingeraucht. Wie immer, verwendete ich dafür den naturnahen Tabak Nr. 137 von Peter Heinrichs. Denn das ist ein Geschmack, der ruhig in der Pfeife bleiben darf. In meiner zumindest.

Meine Beraldi rauchte sich wirklich gut, und für einige Tage schwebte ich auf der blauen Wolke Nummer Sieben. Dann holte mich diese Woche ein mittelschweres Schockerlebnis zurück auf die Erde. Beim Nachfetten des Holzes bemerkte ich, dass der Kopf an einer Seite uneben war. Es waren nur leichte Wellen. Aber sie gehörten nicht zum Konzept der Shape. Sie waren ungewollt.

Zunächst tröstete mich der Gedanke, dass man die Wellen kaum sieht und wirklich nur fühlt, wenn man bewusst mit der Hand an der richtigen Stelle sucht. Die Mastro Beraldi hatte sich ja von Anfang an so perfekt an meine Hand angeschmiegt, dass ich ungewollte Unebenheiten nicht einmal in Erwägung gezogen hätte. Also was sollte es? Im Leben ist doch nichts perfekt, oder? Und außerdem beweisen die kleinen Unebenheiten, dass diese Pfeife wirklich handgemacht ist. Ein schwacher Trost. Aber immerhin ein Trost.

Dann aber kam mir ein anderer Gedanke. Vielleicht lag ja die Pfeife gerade wegen und nicht trotz dieser kleinen Unebenheiten so perfekt in meiner Hand. Vielleicht war das sogar das Geheimnis ihrer Schönheit: Ein Hauch von Asymmetrie verlieh der ansonsten perfekt gearbeiteten Pfeife eine einzigartige Schönheit – gewissermaßen einen Charakter.

Daraufhin habe ich mich ein wenig im Internet umgetan. Und siehe da: Bei der Beurteilung menschlicher Gesichter verhält es sich offensichtlich ähnlich. In der Attraktivitätsforschung ist man sich einig, dass wir andere Menschen grundsätzlich dann schön finden, wenn ihre Gesichter weitgehend symmetrisch sind, indessen uns augenfällige Asymmetrien eher abschrecken. Zugleich gibt es jedoch eine ganze Menge Studien, die nahe legen, dass wir geringfügige Asymmetrien attraktiv finden. Wie nachsichtig von uns, was?

Nun ja, meiner Meinung nach hat das Schönfinden von leichter Asymmetrie in Wahrheit gar nichts mit einer Nachsicht mit ästhetischen Fehlern zu schaffen. Ganz im Gegenteil zeigt die Asymmetrie das Vorhandensein von etwas an. Es gibt uns einen Fingerzeig auf den Umstand, dass die Natur sich nicht aus Phantasielosigkeit an die vorgegebene Form hält, sondern aus einem Überschwang an Phantasie. Es mag verrückt klingen, aber gerade diese Andeutung des Überschwangs ist es, die wir an Menschen mit kleinen Schönheitsfehlern attraktiv finden.

Was für Menschen gilt, gilt vielleicht auch für Pfeifen. Pfeifen mit kleinen – nicht großen! – Schönheitsfehlern sind eben darum besonders schön. Und wenn diese Schönheitsfehler, wie im Falle meiner Mastro Beraldi, obendrein noch zu einer Verbesserung der Haptik führen, dann ist die Pfeife nicht nur schön, sondern geradezu genial – ein echtes Kunstwerk also.

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