Das Gebot der Stunde: Pfeife

Irgendwann in dieser Woche – es muss Mittwoch- oder Donnerstagabend gewesen sein – traf ich einen alten Freund zufällig in der Bahn. Wir hatten uns über ein Jahr lang nicht gesehen und plauderten ein wenig über dies und das. Als wir dann gemeinsam am Bahnhof Königsdorf ausstiegen, zündete er sich eine Zigarette an. Mir bot er ebenfalls eine an, aber ich lehnte mit dem Hinweis ab, dass ich nur Pfeife rauche. Er lachte laut auf. Das hatte er nicht erwartet. Wir sprachen dann kurz über die Vor- und Nachteile des Pfeiferauchens. Dabei stellte er halb im Scherz, halb ernst fest: „Für’s Pfeiferauchen hätte ich gar keine Zeit. Völlig ineffizient.“

Da hatte er Recht, fand ich. Pfeiferauchen ist wirklich ineffizient. Denkt mal darüber nach: Pfeife stopfen, in Gang bringen, in Ruhe genießen (sonst gibt’s Zungenbrand!), Pfeife ruhen lassen, Pfeife reinigen. Was für ein Zeitverlust! Es gibt längst Zigaretten mit Pfeifentabak. Wem es also um den bloßen Tabakgenuss geht, der ist damit doch bestens bedient. Und er spart Zeit. Viel Zeit. Wozu also eine Pfeife, die auch noch Geld kostet?

Wir verabschiedeten uns, und jeder ging wieder seines Wegs. Aber die Frage, warum ich eigentlich Pfeife rauche, ließ mich nicht los. Wir leben in einer Welt, die durch und durch vom Effizienzgedanken durchdrungen ist. Anders können wir mit der Komplexität und der Geschwindigkeit unserer heutigen Welt kaum noch mithalten. Pfeiferauchen passt genauso wenig in diese Welt wie jemand, der sein Auto immer noch mit der Handkurbel startet. Vielleicht war das der Grund dafür, dass mein Freund so gelacht hatte, als er von meinem Hobby erfuhr. Für ihn war ich ein Raucher, der gleichsam noch mit der Handkurbel arbeitete.

Um eines gleich klarzustellen: ich starte mein Auto mit dem Zündschlüssel, und dabei soll es auch bleiben. Genauso klar ist allerdings für mich, dass ich weiter Pfeife rauchen werde – obwohl es viel effizientere, weniger zeitaufwändige und günstigere Arten des Tabakgenusses gibt.

Uns Pfeifenrauchern geht es nämlich nicht nur um den Genuss des Tabaks, nicht wahr? Da ist noch mehr dran an der Sache. Natürlich, gar keine Frage: der Tabakgenuss ist absolut wichtig. Aber genau so wichtig ist für mich die Pfeife. Und ich glaube, dass es einigen von Euch ebenso geht. Denn die Pfeife ist es, die uns dazu zwingt, uns Zeit für den Tabakgenuss zu nehmen. Wenn wir das nicht tun und stattdessen mal eben schnell eine Pfeife rauchen, werden Pfeife und Tabak viel zu heiß. Ein Genuss ist so kaum noch möglich. Effizientes Pfeiferauchen ist schon aus diesem Grund ein hölzernes Eisen.

Warum also tun wir uns das an? Wo es doch immer mehr um Effizienz geht und wir immer weniger Zeit haben? Nun, ich kann selbstverständlich nur für mich sprechen. Dennoch glaube ich, dass mir einige Pfeifenraucher zustimmen werden, wenn ich sage: die Pfeife entführt uns in eine andere Welt – in eine Welt, in der Zeit nicht etwas ist, das man nutzt, sondern etwas, das man genießt. Und gerade deshalb passt das Pfeiferauchen sehr wohl in unsere hektische Zeit. Es schafft uns Gelegenheiten, bewusst genussvoll durchzuatmen.

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4 thoughts on “Das Gebot der Stunde: Pfeife

  1. Hallo Patrick, wie immer beeindruckend und inspirierend sind mir Deine Gedanken. Ich hoffe, Du bist einverstanden, wenn ich in meiner Hafenkneipe auf Deinen Blog verweise und eine kleine Geschichte mit ein paar Gedanken anfüge.

    Vielen Dank!

    Dein BillyBones

    • Hi BillyBones, aber klar doch. Würde mich freuen, wenn Du auf meinen Blog verlinkst! Ich würde Deine Hafenkneipe gerne in meine Links & Tipps Sammlung aufnehmen, wenn das in Ordnung für Dich ist. Herzliche Grüße, Patrick

    • Hallo Billy Bones, habe Deinen Artikel “Zeit-Desperados” gelesen. Eine schöne Geschichte, die Du da erzählst. Über den Verweis auf Zungenbrand.de habe ich mich natürlich sehr gefreut. Übrigens habe ich Deine Hafenkneipe in meine Links & Tipps Sammlung aufgenommen. Noch etwas anderes: ich habe mehrfach versucht, auf Deinem Blog zu kommentieren, was aber nicht geklappt hat. Ich benutze den Firefox, vielleicht lag es ja daran…
      Herzliche Grüße,
      Patrick

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