Kleine Typologie der Pfeifenraucher

Pfeifenrauchern sagt man ja nach, dass sie etwas anders sind als die meisten anderen Menschen. Ob sie dabei als individualistischer, gemütlicher oder einfach nur skurril markiert werden sollen, unterscheidet sich von Fall zu Fall. Ich selbst habe diese Erfahrung nicht gemacht. Das mag daran liegen, dass entgegen allen Gerüchten Pfeifenraucher ganz normale Menschen sind. Das mag aber auch daran liegen, dass Skurrile einander nicht als skurril sondern als ganz normal empfinden.

Wie auch immer dem sei, jedenfalls ist mir bei meinen Begegnungen mit anderen Pfeifenrauchern aufgefallen, dass wir nicht alle den gleichen Bezug zu unserem Hobby haben. Ganz gleich, ob sich nun die Menschheit zu Recht in Pfeifenraucher und Nicht-Pfeifenraucher unterteilen lässt oder nicht, die Gemeinschaft der Pfeifenraucher selbst lässt sich jedenfalls tatsächlich unterteilen. Zumindest habe ich diese Erfahrung gemacht. Ich gönne mir im Folgenden mal den Spaß, mit einem Augenzwinkern die verschiedenen Typen von Pfeifenrauchern vorzustellen, die mir begegnet sind. Vielleicht findet Ihr Euch ja wieder. Die meisten werden sich vermutlich als eine Mischung aus mehreren Typen herausstellen. Also los geht’s!

Der Bastler

Fangen wir mit ihm an. Mit dem Bastler. Er repariert, schmirgelt, schleift und bohrt. Mit Vorliebe kauft er alte, gebrauchte Pfeifen – oft sogar ganze Sammlungen so genannter Estate Pipes – und bringt sie wieder auf Vordermann. Ihm geht es recht eigentlich gar nicht so sehr ums Rauchen. Er will reparieren oder sogar selbst kreieren und bauen. Der Bastler liebt die Pfeife nicht des Rauchens willen. Viele Pfeifenmacher gehören zu diesem Typ. Holmer Knudsen etwa sagte mir neulich, dass seine Leidenschaft mehr dem Pfeifemachen als dem Pfeiferauchen gehöre.

Der Raucher

Ganz anders ist es um den Raucher bestellt. Er raucht viele Füllungen am Tag und bringt das Kunststück fertig, eine Pfeife in einer stinknormalen Fünf-Minuten-Raucherpause abzufertigen. Mit Genuss hat das vermutlich nicht mehr viel zu tun. Der Raucher steht dem Zigarettenraucher sehr nahe. Warum er nicht auf Zigaretten umschwenkt ist mir schleierhaft. Aber auch und vor allem unter uns Pfeifenrauchern gilt das Gebot Friedrich des Großen, dass jeder nach seiner Facon selig werden soll. Auch der (Sucht-)Raucher hat also seinen Platz bei uns.

Der Sammler

Allein die Maserung der Pfeifen aus Bruyereholz macht jede Pfeife zu einem Einzelstück. Darüber hinaus gibt es die schöne Kultur unter den Pfeifenmachern, immer noch handgemachte Pfeifen zu fertigen. So entsteht eine schier unendliche Vielfalt an Shapes. Diese Vielfalt weckt in so manchem unter uns Pfeifenrauchern den Sammlertrieb. Der Sammler ist immer auf der Suche nach besonderen Pfeifen. Pfeifen aus einer Serie, von einem bestimmten Pfeifenmacher, Pfeifen, die irgendwie anders, irgendwie originell sind – mit einem Wort: Pfeifen, die sich gut in seiner Sammlung machen. Zwar raucht der Sammler hin und wieder eine seiner Pfeifen, aber im Grunde tut es ihm jedes Mal in der Seele weh. Seine Pfeifen sind ihm recht eigentlich viel zu schade zum Rauchen.

Der Geschmacksanalytiker

Im Gegensatz dazu ist für den Geschmacksanalytiker die Pfeife lediglich ein – wenn auch zu schätzendes – Mittel zum Zweck: Zum Rauchen. Allerdings raucht er nicht einfach nur. Oh nein! Er lässt gewissermaßen seinen Verstand mitrauchen. Keine Tabaksorte, keine Marke, keine Geschmacksnuance ist ihm unbekannt. Zwei, vielleicht drei Züge an der Pfeife, und schon beginnt er, den Geschmack im Geiste zu sezieren. Black Cavendish? Virginia? Gesoßter Burley? Englische Mischung oder dänische? Nussig, erdig, schokoladig, vanillig? Der Geschmacksanalytiker kennt alle Fachbegriffe und ist in der Lage, das Kind beim Namen zu nennen. Die schwelgerische Beschreibung auf der Tabakdose macht ein Aromaversprechen, das sich nicht einlöst? Der Tabak enthält Geschmacksnoten, die sich nicht in der Herstellerbeschreibung finden? Dem Geschmacksanalytiker fällt all dies auf. Und er redet darüber. Ob im kleinen Kreis mit anderen Pfeifenrauchern oder öffentlich im Internet, er teilt seine Erkenntnisse mit. Er ist der Feuilletonist unter den Pfeifengenießern.

Der Genießer

Wie anders ist da der Genussraucher! Ihm geht es um den puren Tabakgenuss. Er will nichts anderes, als Zeit mit einem guten Tabak und seiner Pfeife zu verbringen. Nun ja, zumindest was das Pfeiferauchen angeht, ist ihm eben dieses am wichtigsten. Nicht so sehr kümmert es ihn, möglichst viele oder möglichst einzigartige Pfeifen zu besitzen. Auch interessiert es ihn herzlich wenig, ob der Tabak nun lakritzig, süßlich oder gar beerig schmeckt. Hauptsache, er schmeckt. Das Genusserlebnis Pfeiferauchen nimmt er so wie es ist. Er entscheidet sich frei und bewusst und genießt den Augenblick des Genusses in seiner Gänze – keine Analyse des Geschmacks während des Rauchens, keine Sucht treibt ihn. Oft ergänzt er den Pfeifengenuss durch ein gutes Glas Rum oder Whiskey oder ein gutes Gespräch in gemütlicher Atmosphäre. Denn er weiß: Genießen, das ist eine Kunst.

Der Experte

Er weiß alles rund ums Pfeiferauchen. Er weiß, wie man die Pfeife richtig stopft, raucht und reinigt. Anfänger und nicht selten auch langjährige Pfeifenraucher können von ihm wirklich etwas lernen. Auf youtube melden sich regelmäßig von mir sehr geschätzte Experten zu Wort, von denen auch ich viel gelernt habe. Sie diskutieren miteinander und räumen mit Vorurteilen und Mythen auf, wie zum Beispiel mit der aberwitzigen Idee, eine Pfeife würde immer an der Stelle ausgehen, wo sie beim Einrauchen ausgegangen ist. Und sie geben unschätzbare Praxistipps. Noch Fragen? Fragt den Experten, er weiß es.

Der Poser

Die Pfeife, die man stolz vor sich her trägt, war immer und ist auch immer noch ein Statussymbol. Früher zeigte sie den gesellschaftlichen Stand ihres Rauchers an. Heute vermutlich auch immer noch. Allerdings zeigt sie heute noch etwas anderes. Sie zeigt, dass ihr Träger etwas Besonderes ist: ein Individualist, ein Genussmensch oder ein Kulturliebhaber. Und der Poser will, dass alle wissen, dass er in dieser oder jenen Form etwas Besonderes ist. Deshalb trägt er seine Pfeife immer gut sichtbar. Er genießt nicht, er zeigt.

Der Philosoph und Esoteriker

Nun ja, mitunter ist er nur Philosoph oder eben nur Esoteriker. Aber das ist meiner Meinung nach nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass dieser Typus Pfeifenraucher seinem Hobby eine höhere, meistens rituelle Bedeutung beimisst. Das semantische Spektrum reicht dabei von einem Entspannungs- und Entschleunigungsritual über ein meditatives bis hin zu einem magisch-schamanischen Ritual. Letzteres wird auch heute noch häufig mit dem Calumet, der so genannten Friedenspfeife, begangen. Dem Philosoph/Esoteriker geht es mithin um das Ritualhafte des Pfeiferauchens, das er mit einer philosophischen beziehungsweise esoterischen Bedeutung auflädt.

Habe ich einen Typus vergessen? Ergänzungen sind herzlich willkommen. Ich selbst würde mich übrigens als eine Mischung aus dem Genießer und dem Philosophen bezeichnen. Und Ihr? Welcher Typ seid Ihr?

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4 thoughts on “Kleine Typologie der Pfeifenraucher

  1. Die typenaufteilung ist sehr gut gelungen.ich bin eher der bastler aber gleichzeitig auch geniesser:)

  2. Hallo Neverman,
    vielen Dank für Deinen Kommentar. Stimmt den Intermezzotypen habe ich glatt übersehen. Der gehört auf jeden Fall in die Typ-Sammlung ! Was die Mystifizierung angeht, so finde ich das so schlecht gar nicht. Irgendwie ist es ja auch Teil der Geschichte der Pfeife. Solange man es damit nicht übertreibt ;-)
    Herzliche Grüße aus Köln
    Patrick

  3. Sehr schöner Artikel. Die Typisierung finde ich gut gelungen und auch ich würde mich als eine Mischung zwischen Genießer und Philosoph bezeichnen. Obwohl ich mir auch der Wahrnehmung der Pfeife in der Öffentlichkeit bewusst bin, such ich mir lieber ein stilles Plätzchen, wo ich meinen Gedanken nachhängen kann und beim rauchen nicht von neugierigen Blicken oder Fragen gestört werde.

    Ich finde was noch erwähnt hätte werden müssen, ist die Kurzlebigkeit jener Fraktion, die nur ein kurzes Intermezzo mit der Pfeife hat und irgendwann, vielleicht nach wenigen Wochen, vielleicht aber auch erst nach 1 oder 2 Jahren wieder zur Zigarette zurückkehrt oder ganz aufhört zu rauchen. Diese Leute können durchaus Philosophen, durchaus Genießer und durchaus auch Poser sein, die sich der Pfeife aber nicht nur aus Imagegründen zuwenden, sondern aus Neugier und Faszination. Ich sehe es als eine Form von Selbstfindung, die jene umtreibt die sich in eine kurze und leidenschaftliche Affäre mit der Pfeife einlassen.

    Sicher kommt irgendwann auch für alte Hasen ein Punkt an dem sie aufhören wollen und vorhersehen lässt es sich auch nicht, wer sich bald einer neuen Leidenschaft zuwendet und wer es “ernst” meint; aber erwähnenswert finde ich die vorwiegend jungen Pfeifenraucher schon, die ihre Wünsche und Träume in die Pfeife projezieren.
    Eigentlich kann eine Typisierung und diese besondere Imagepflege nur einer Mystifizierung dienen, die junge Leute reizt und anlockt, aber eher wenig mit Pfeife rauchen zu tun hat.

    Aber es ist wie es ist. Wer zur Pfeife kommt, der wird sich schon irgendwas davon erhoffen.

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