Die unbesinnliche Besinnlichkeit des Pfeiferauchens

Rote Mütze, weißer Bart, schwarze Pfeife - fertig ist der Zungenbrand-Weihnachtsmann

In der Zeit zwischen Weihnachten und Silvester tickt die Uhr irgendwie anders. Ich weiß nicht genau wie. Aber Ihr ahnt bestimmt, was ich meine. Wir spüren die Zeit nicht mehr so deutlich, wie sonst. Die Uhr tickt irgendwie – ja vielleicht könnte man es so ausdrücken – die Uhr tickt irgendwie leiser. Aus diesem Grund fand ich den Ausdruck „zwischen den Jahren“ auch immer so passend. Das alte Jahr ist vorüber, aber das neue hat noch nicht begonnen. Was immer unseren Alltag während des Jahres durchwirkt und uns vor sich her treibt, hat zwischen Weihnachten und Silvester Pause.

Die Karriere wird erst nächstes Jahr weiter verfolgt, mit der Kindererziehung nehmen wir es etwas lockerer, die Fehler unserer “Lieblingsverwandten” stören uns nicht ganz so sehr, und die nächste Diät verschieben wir auf Januar. Überhaupt müssen wir uns keine Gedanken über unsere Laster machen. Denn im neuen Jahr wird ja alles besser. Wozu gibt es schließlich gute Vorsätze, wenn nicht zur Befreiung vom schlechten Gewissen während der Zeit „zwischen den Jahren“?

Diese Tage vor Silvester sind für mich auch die Zeit für Besinnlichkeit. Das klingt sehr hochtrabend, ist im Grunde aber ganz einfach. Dadurch, dass es zwischen den Jahren kaum etwas gibt, das dringend erledigt werden muss, haben wir plötzlich wie von selbst die Zeit, das Wichtige zu erledigen, das ständig hinter dem Dringenden zurückstehen muss: Zeit mit der Familie zu verbringen, Zeit netten Menschen mal etwas Nettes zu sagen, Zeit einmal in sich zu gehen. Vielleicht um das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen, vielleicht um Pläne für das neue Jahr zu schmieden.

Wenn ich die ganze Sache so betrachte, dann erinnert mich diese Zeit „zwischen den Jahren“ ein wenig an die Zeit, die ich mir nehme, um eine Pfeife zu rauchen. Denn dann tickt für mich die Uhr ebenfalls etwas leiser als sonst. Plötzlich habe ich Zeit, über Dinge nachzudenken, für die sonst keine Zeit ist, oder den Kurs zu überprüfen, den mein Leben eingeschlagen hat, und Alternativen zu diesem Kurs zu entwickeln. So gesehen ermöglicht mir das Ritual des Pfeiferauchens, eine Besinnlichkeit, wie wir sie sonst nur zwischen den Jahren praktizieren, in meinen Alltag einzubauen. Und hin und wieder tue ich das sogar.

Auch sonst hat das Pfeiferauchen einiges mit der besinnlichen Zeit am Ende des Jahres gemein: Wir stopfen die Pfeife mit gutem Tabak. Uns selbst stopfen wir zwischen den Jahren voll mit gutem Essen. Das Stopfen kulminiert in beiden Fällen im Zünden. Am 31. Dezember zünden wir die Raketen, nach dem Füllen der Pfeife zünden wir die Tabakmischung. Und während uns am Himmel kurz darauf bunte Farbexplosionen erfreuen, erquicken den Genussraucher die Geschmacksexplosionen. Eine ganze Menge Gemeinsamkeiten, nicht wahr?

Nun ja, einen gravierenden Unterschied gibt dennoch. Ich kann selbst entscheiden, wann ich mir eine Pfeife anzünde. Die Zeit zwischen den Jahren indessen steht unabänderlich fest. Sie findet genau ein einziges Mal im Jahr statt. Zwar dauert sie viel länger als der Genuss einer Pfeife. Aber nur einmal im Jahr? Ist das nicht etwas selten, um in sich zu gehen?

Wer weiß das schon! Manchmal ist es vielleicht auch gut, nicht zu oft über die Dinge nachzugrübeln. Zwar hat John Stuart Mill gewiss nicht Unrecht, wenn er sagt: „Die verhängnisvolle Neigung der Menschen, über etwas, was nicht mehr zweifelhaft ist, nicht länger nachzudenken, ist die Ursache der Hälfte aller Irrtümer.“ Aber vielleicht ist zu häufiges Nachgrübeln ja die Ursache für die andere Hälfte.

Wie gut also, dass man eine Pfeife auch einfach nur genießen kann – ohne gleich besinnlich zu werden. In der Zeit zwischen den Jahren kann das eine erfrischende Abwechslung sein zu der ganzen Besinnlichkeit.

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