Ich, die Zielgruppe

Wenn alles so läuft, wie es sollte, dann begrüßen wir es, wenn ein Unternehmen genau das anbietet, was wir uns wünschen. Stimmt dann noch der Preis, ist alles gut. Nun ja – nicht alles. Aber zumindest haben wir beim Kauf eines solchen Produkts zu Recht ein gutes Gefühl. Das Marketing des in Rede stehenden Unternehmens hat einen guten Job gemacht.

Vermutlich hätte ich diesen Aussagen bis Mitte letzter Woche voll und ganz zugestimmt. Dann ist jedoch etwas passiert, das meine Sicht auf diese Dinge ins Wanken gebracht hat. Aber lasst mich meine Geschichte von Anfang an erzählen. Sie beginnt lange Zeit vor der letzten Woche. Genau genommen beginnt sie im Jahre 1886. Das ist das Jahr, in dem der englische Arzt Arthur Ignatius Conan Doyle erste Notizen zu einer Kriminalerzählung niederschrieb. Die Geschichte rankte sich um den Detektiv Sherinford Holmes. Ein Jahr später veröffentlichte Doyle seine Erzählung. Den Detektiv hatte er – Ihr habt es inzwischen sicherlich schon geahnt – in Sherlock Holmes unbenannt.

Ungefähr 100 Jahre später – ich muss so um die zehn oder elf Jahre alt gewesen sein – fand Sherlock Holmes in mir für einige Zeit einen großen Fan. Dann kam die Pubertät und der englische Detektiv zog sich zurück in mein Unterbewusstsein, wo er es sich bis letzte Woche ausgesprochen bequem gemacht hatte. Bevor er sich jedoch ziemlich aufdringlich für jemanden, den ich so lange nicht gesehen hatte, wieder zurückmeldete in meinem Bewusstsein, geschah noch das Folgende:

Letztes Jahr besuchte ich in Köln ein Pfeifenseminar des legendären Pfeifen- und Tabakhändlers Peter Heinrichs. Dort verliebte ich mich in eine Hänger-Pfeife der Firma Peterson (oder wie es im Pfeifenjargon heißt: in eine Bent). Sie hatte eine wunderschöne Holzmaserung, ein angenehmes Mundstück und lag genau richtig in meiner Hand. Die perfekte Pfeife also. Einige Wochen später war ich auch schon stolzer Besitzer meiner neuen Peterson.

Und dann war da noch die Sache mit dem Hut. Ungefähr vor einem Jahr fiel mir ein kleines Geschäft im Kölner Friesenviertel auf. Ein Hutmacher. Ja, Ihr habt richtig gelesen: ein Hutmacher. Und das in der heutigen Zeit! Irgendetwas zog mich damals hinein in den Laden. Und wo ich schon einmal dort war, bestellte ich bei Jürgen Eifler – so der Name des Hutmachers – eine wunderschöne Kappe. Sie passte erstklassig, war angenehm zu tragen und stand mir, wie ich fand, sogar recht gut. Noch eine erfolgreiche Errungenschaft also. Was das nun mit meiner Peterson zu tun hat? Habt noch ein wenig Geduld. Gleich lüfte ich das Geheimnis. Zuvor muss ich Euch allerdings noch von einem Tabak erzählen, den ich mir kürzlich zugelegt habe.

Es handelt sich um den Sherlock Holmes von Peterson, eine unaromatisierte, leicht fruchtig riechende Mischung aus hellem Virginia und dominierenden orangefarbenen Burley-Anteilen. Der Tabak schmeckte wunderbar natürlich und dabei ein wenig süßlich – genau so, wie ich Tabak am liebsten genieße.

Letzte Woche dann geschah es: meine Frau sah meine Tabakdose, sah meine Peterson, sah noch mal auf die Dose und grinste. Ich zog die Stirn in Falten und fragte sie, was es da bitte schön zu grinsen gab. Ein Pfeifenraucher will schließlich ernst genommen werden, wenn er seinem Geschäft nachgeht. Sie grinste noch breiter und tippte auf das Label der Tabakdose. „Da hast du dir wohl den Tabak zur Pfeife geholt, was?“, sagte sie.

Ich starrte sie an und muss dabei ein ziemlich dummes Gesicht gemacht haben. Denn sie fühlte sich bemüßigt, mir zu erklären, was genau sie gemeint hatte. Und dann machte ich, glaube ich, ein noch dümmeres Gesicht. Der Grund dafür war, dass sie mir offenbarte, meine Lieblingspfeife heiße genau so, wie dieser Tabak, der auf dem besten Wege war, mein Lieblingstabak zu werden: Sherlock Holmes.

In diesem Augenblick fühlte ich mich irgendwie ertappt. Wie konnte es sein, dass die Firma Peterson den Tabak Sherlock Holmes und die Pfeife Sherlock Holmes so gut auf einander und – was noch entscheidender ist – auf meinen Geschmack abgestimmt hatte? Das musste ein gewaltiger Zufall sein, oder? Nun ja, die Tatsache, dass ich mir eine Kappe hatte anfertigen lassen, die fast allen meinen Freunden und Kollegen den Kommentar entlockte, ich sähe aus wie Sherlock Holmes, wenn ich ihn trage – diese Tatsache bestärkte nicht gerade den Glauben an einen bloßen Zufall. Irgendein Marketinggenie der Firma Peterson muss die Sherlock Holmes-Reihe genau auf eine Zielgruppe mit meinem Literatur-, Hut-, Tabak- und Pfeifen-Geschmack abgestimmt haben. Anders kann ich mir diese Sache nicht erklären. Aber woher zum Henker kannte dieses Genie meinen Geschmack? Und vor allem: gibt es überhaupt einen Zusammenhang zwischen Literatur-, Hut-, Tabak- und Pfeifengeschmack eines Menschen?

Falls es einen solchen gibt, kann er nur in der Persönlichkeit eines Menschen begründet liegen. In diesem Fall hätte die Firma Peterson meine Persönlichkeit offenbar tiefer ergründet als ich selbst. Irgendein Marketinggenie hatte mir in die Seele gespinkst! Ich gebe zu, dieser Gedanke beunruhigte mich.

Inzwischen habe ich mich von dem kleinen Schock wieder erholt und empfinde es als erfrischende Skurrilität, dass Sherlock Holmes nolens volens zu so etwas wie meinem ästhetisch-geschmacklichen Ideal geworden ist. Letzte Woche allerdings, als meine Frau mich auf die Sherlock Holmes Sache aufmerksam machte, da erging es mir, wie gesagt, anders. Das Marketing von Peterson hatte, was mich betrifft, einen guten Job gemacht – einen zu guten Job. Ich habe meinen Hut daraufhin ausgiebig untersucht, ob nicht irgendwo doch ein verstecktes Peterson-Schild zu entdecken war. Glücklicherweise wurde ich nicht fündig! Das hätte mich wirklich beunruhigt. So kann alles immer noch ein Zufall sein.

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3 thoughts on “Ich, die Zielgruppe

  1. Ein interessanter Text fürwahr. Aber fürchte Dich nicht: Männer, die Pfeife rauchen, kommen – im besten enlischen Sinne – noch auf ganz andere Skurrilitäten. Du hast, zumindest in diesem Zusammenhang, einen Bruder im Geiste in mir. Wenn Du gerne eine Kostprobe nehmen würdest, würde ich mich freuen: http://billyboneshafenkneipe.blogspot.de/

    Mögen unseren Pfeifen nie erlöschen!

    Billy Bones

    • Hi Billy Bones, vielen Dank für Deinen Kommentar! Schönes Blog, das Du da machst! Besonders die Verbindung Pfeife-Literatur gefällt mir. Lass uns in Verbindung bleiben!
      Grüße,
      Patrick

      • Hi Patrick,
        ich gestatte mir, mich über Dein Lob zu freuen! Sehr gerne nehme ich Dein Angebot an. Wanderer in der Wüste sollten nicht achtlos aneinander vorübergehen!
        Viele Grüße
        Billy Bones

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