Papa ante portas

Diesen Freitag hat meine zweimonatige Elternzeit begonnen. Unter neidvollen Blicken der Kollegen verließ ich am Donnerstag das Büro. Jetzt beginnt das große Füßehochlegen für mich – so könnte man die allgemeine Meinung zusammenfassen, die mir in den letzten Tagen nicht nur im Büro entgegenschlug.

Meine Elternzeit begann allerdings nicht, wie geplant, mit einer entspannten Pfeife, sondern damit, dass ich unsere Toilette reparieren musste. Die Dichtung des Wasserzulaufs war hin. Nun, diese Fehlentwicklung ist inzwischen korrigiert. Eine ganz andere Frage indessen wartet noch auf ihre Auflösung: Was fange ich mit meiner Elternzeit an?

Packe ich all die Dinge an, die seit Monaten, teilweise seit Jahren liegen geblieben sind? Belehre ich unfreundliche Metzgereifachverkäuferinnen darüber, dass sie schleunigst ihr Messaging an die aktuelle Marktsituation anpassen sollten, um für ihr Unternehmen nachhaltigen Erfolg sicher stellen zu können? Nun ja, das vielleicht eher nicht. Aber ich könnte eine Reise machen. Natürlich müsste ich dann erstmal irgendwo hin wollen, oder etwa nicht? Vielleicht verwirkliche ich mir irgendeinen Traum? Was meint Ihr? Oder widme ich mich – wie von Vater Staat vorgesehen – voll und ganz meiner Vaterschaft?

So viel Gestaltungsspielraum überfordert mich nachgerade. In der heutigen Zeit, wo das Leben von morgens bis abends durch Job und Familie durchgetaktet und fremdbestimmt ist, bewirkt das Bewusstsein von so viel Gestaltungsspielraum ein seltsames Gefühl in mir. Es ist eine Mischung aus schlechtem Gewissen gegenüber jenen, die diesen Spielraum nicht haben, und der trotzigen Erkenntnis, dass wir ihn notwendig haben müssen, wenn wir ein gelungenes und glückliches Leben führen wollen. Das ist eine Erkenntnis, die bei genauer Betrachtung recht eigentlich diejenige war, die mich überhaupt erst zum Pfeiferauchen gebracht hat. Denn eine Pfeife zu rauchen bedeutet für mich auch immer, dass ich mich für einige wertvolle Augenblicke befreie vom durchgetakteten Leben, um mal nutzlos und ziellos aber keineswegs ohne Sinn sein zu können.

Aber zurück zur Elternzeit. Eines steht jetzt schon fest: Sicherlich werde ich die eine oder andere Pfeife mehr rauchen als sonst. Ein wenig Zeit für Genuss wird hoffentlich anfallen. Während ich noch nach einer Roadmap für die nächsten beiden Monate suche, hat meine Frau bereits ein klares Ziel definiert. Nachdem wir gemeinsam den ersten Tag meiner Elternzeit verbracht hatten, eröffnete sie mir freimütig: „Booooohr, bin ich froh, wenn du wieder arbeiten gehst!“

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4 thoughts on “Papa ante portas

  1. Ich hatte die letzten 2 Monate auch Elternzeit und ich habe mir die gleiche Frage gestellt. Was fange ich mit der vielen Zeit an. Bei eBay habe ich dann 2 Pfeifensammlungen gekauft die ich aufgearbeitet habe.
    Zudem konnte ich die Zeit mit meiner Tochter genießen. Zusammen frühstücken und den Tag genießen.
    Und ganz schnell sind 2 Monate vergangen. Aber ich habe auch den Spruch von meiner Frau bekommen: Bin ich froh wenn du wieder arbeiten gehst.
    Aber ich sehe ich bin nicht der einzige :)

    • Hi Moritz, schön zu wissen, dass ich nicht der einzige “unbeliebte” Gatte bin ;-) Das mit den Pfeifensammlungen ist eine tolle Idee. Ich selbst bin leider handwerklich nicht ganz so begabt.
      Meine Elternzeit ist auch bald vorbei. Die Zeit mit meinen Jungs habe (meistens) genossen.
      Herzliche Grüße

  2. Eine wirklich interessante Betrachtung der Elternzeit. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Elternzeit erst einmal ungewohnt war. Was tun? war auch hier die Frage. Zum Glück wurde ich nicht ganz ins kalte Wasser geworfen, denn meine Frau hatte parallel zu den Vätermonaten ebenfalls noch Elternzeit. Und so zeigte sich, dass die von dir beschriebenen Ziele “Erfüllung persönlicher Wünsche” und “Kümmern um den Nachwuchs” kein Widerspruch war. Wir 3 sind auf Reisen gegangen und es war eine wirklich aufregende und doch gleichzeitig sehr entspannende Erfahrung. Und genau das wünsche ich dem Autor auch :-)

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