Von der Zirkulatur des Vierecks

Es gibt Dinge im Leben, die lassen sich nur sehr schwer, manchmal sogar  überhaupt nicht unter einen Hut bringen. Denkt mal drüber nach: Abenteuer und Geborgenheit, Freiheit und Sicherheit, Vertrauen und Kontrolle, Freizeit und Karriere, Liebe und Selbstverwirklichung, Fernweh und Heimweh – irgendwie spielt sich unser Leben immer im Spannungsfeld zwischen zwei einander widersprechenden Extremen ab, oder etwa nicht? Nun ja, vielleicht nicht wirklich immer. Aber wir alle kennen doch die Situation, in der wir uns hin- und hergerissen fühlen. Oft kämpft dann unsere emotionale Seite gegen unsere rationale.

Der Philosoph Friedrich Nietzsche hat diesen Kampf sogar zum Prinzip des Lebens überhaupt gemacht. Für ihn gab es nur dort Leben und Entwicklung, wo die beiden Extreme sich im Kampf gegenseitig befruchten. Das eine, das rationale Extrem taufte Nietzsche nach dem griechischen Gott Apollo das Apollinische. Das andere nannte er nach dem Weingott Dionysos das Dionysische. Dieses stand für kreatives Chaos, Dynamik, Zerstörung, Trieb und Emotion, jenes für Form, Struktur, Erhaltung, Geist und Verstand.Wenn Nietzsche Recht hat und das Leben wirklich aus einem Kampf zwei einander widersprechender Prinzipien besteht, dann gilt das natürlich auch für das Leben eines Pfeifenrauchers. Für mich persönlich jedenfalls trifft das zu – zumindest dann, wenn es darum geht, welche Art von Pfeife ich mir kaufen soll.

Für mich ist es nicht nur die Maserung einer Pfeife, die über ihre Schönheit entscheidet. Es ist vor allem auch ihre Form. Und hier habe ich eine ganz klare Präferenz: Ich liebe Pfeifen mit großen und runden Köpfen. Das ist nicht nur eine rein ästhetische Frage für mich, sondern auch eine Frage der Haptik. Pfeifen mit runden, großen Köpfen liegen mir schlichtweg besser in der Hand als eckige Pfeifen. Dumm nur, dass Pfeifen ohne Ecken und Kanten naturgemäß keine Auflagefläche haben können. Ohne Pfeifenhalter kugeln sie deshalb durch die Gegend wie ein Ei ohne Eierbecher.

Dagegen haben eckige Pfeifen einen entscheidenden Vorteil: Wenn sie entsprechend geformt sind, braucht man keinen Pfeifenhalter. Wer die Pfeife ruhen lassen oder sie gar für längere Zeit wegstellen will, kann das einfach tun, indem er sie auf die glatte Unterfläche setzt – ohne dass die Pfeife herumkugelt und womöglich zerkratzt oder herunterfällt, nur weil gerade wieder kein Pfeifenhalter zur Hand ist.

Rational spricht mithin einiges für eine eckige Pfeife. Was indessen mich persönlich anbelangt, so spricht aus emotionaler Sicht allerdings eine ganze Menge dagegen: Eckige Pfeifen finde ich nicht so schön und empfinde ihre Haptik als nicht sehr angenehm. Und das ist mein ganz persönlicher Kampf der Prinzipien.  Emotion gegen Rationalität, Schönheit gegen Pragmatismus, das Angenehme gegen das Nützliche.

Dergestalt spielte sich mein bisheriges Leben als Pfeifenraucher in diesem Spannungsverhältnis ab. Es wäre gelogen, wenn ich sagte, dass ich arg darunter gelitten hätte. Allerdings möchte ich auch nicht verhehlen, dass mich dieses Dilemma oft geärgert hat. Und immer wenn ich wieder mal bei Peter Heinrichs in Köln in den Pfeifenregalen umher stöberte, war ich insgeheim doch immer auf der Suche nach einer Pfeife mit angenehm rundem Kopf und einer Auflagefläche. Freilich bin ich nie fündig geworden. Mit der Zeit wurde mir klar, dass ich auf der Suche nach einem hölzernen Eisen war. „Contradictio in Adjecto“, hätte Nietzsche gesagt.

Aber dann ist letzte Woche etwas Unerwartetes geschehen. Mit Peter war ich nach dem Mittagessen bei Pfeifen Heinrichs. Ich wollte mir schon seit einiger Zeit die Jahrespfeife 2013 des Pfeifenstudios Hartmann Design Berlin ansehen, das zur Firma Planta gehört und kurz als db bekannt ist. Und ein besonders schönes Exemplar hatte Peter Heinrichs sogar tatsächlich im Angebot. Kurzerhand habe ich zugeschlagen. Ich muss zugeben, für einen Pfeifenkauf lasse ich mir gewöhnlich ein wenig mehr Zeit. Aber das ist es nicht, was ich meinte, als ich von etwas Unerwartetem gesprochen habe.  Ich hatte etwas im Sinn, was ich erst einige Tage später – beim Einrauchen der Pfeife – feststellte.Neben der wunderschönen Maserung und dem wie ein gen Himmel strebender Wassertropfen geformten Kopf, springt sogleich der auffällig lange Zugkanal ins Auge. Ich hatte keine Ahnung, dass es dieser Zugkanal ist, mit dem db mein Dilemma gelöst hat.

Unter ihm befindet sich eine unscheinbare Abflachung, die eine sichere Ablage der Pfeife mit rundem Pfeifenkopf ohne Pfeifenständer ermöglicht.  Ich hatte mein hölzernes Eisen gefunden. Emotion und Rationalität können also doch unter einen Hut gebracht werden.

Nun will ich nicht so weit gehen zu behaupten, dass die Existenz dieser Pfeife beweist, dass der gute Nietzsche gründlich danebengelegen hat. Aber sie macht dennoch Hoffnung auf die Auflösung weiterer Widersprüche, die uns das Leben schwer machen, oder etwa nicht? Manchmal ist die Lösung einfacher, als wir zu denken geneigt sind. Man muss nur ein wenig offen und kreativ sein. Was wie eine Plattitüde klingt, ist mitunter schlichtweg die Wahrheit.

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