Der Kontext kann’s

Irgendwann letzte Woche – es muss Dienstag oder Mittwoch gewesen sein – ging ich die Aachener Straße entlang. Da kam mir eine ältere Dame entgegen. Sie lächelte freundlich und grüßte mich mit einem „Hallo“. Da ich die Dame noch niemals zuvor gesehen hatte, war ich einigermaßen überrascht. Ich beeilte mich, ihren Gruß zu erwidern, bevor wir aneinander vorübergegangen waren. Schließlich sollte mir niemand nachsagen können, dass ich ein unfreundlicher Mensch wäre.

Als ich gestern, wie jeden Samstag, mit meinem dreijährigen Sohn Brötchen kaufte, bemerkte ich meinen Irrtum. Die freundliche Dame von vor einigen Tagen war keineswegs eine Unbekannte gewesen. Fast jede Woche stand sie mir gegenüber und nahm meine Bestellung entgegen: drei Bauern- und drei Winzerbrötchen bitte! Die Sache war mir ein wenig peinlich, und ich war froh, dass ich es zumindest geschafft hatte, sie rechtzeitig zu grüßen.

Während mein Sohn auf der Rückfahrt nach Hause lauthals „Seht mal, wer da rennt, seht mal, wer da rennt! Das ist wohl der Augustin, das Naturtalent!“ sang, dachte ich darüber nach, warum ich die Dame bei unserem zufälligen Zusammentreffen nicht erkannt hatte. Ich kam zu dem Schluss, dass es die Bäckerei war. Die Bäckerei, ihre Verkaufsuniform, die Schürze, vielleicht sogar die Brötchen in der Auslage. Hier erkannte ich sie sofort. Aber auf offener Straße? In Alltagskleidung? Da hatte mir wohl der gewohnte Kontext gefehlt. Der Kontext bestimmt ganz offensichtlich den Sinn dessen, was im Fokus unserer Aufmerksamkeit steht wesentlich mit. Kontext Straße – unbekannte freundliche Dame, Kontext Bäckerei – altbekannte Verkäuferin.

Beim Tabakgenuss ist das vielleicht nicht anders. Immerhin ist es denkbar, dass derselbe Tabak von uns unterschiedlich wahrgenommen wird – je nachdem, in welcher Situation wir ihn genießen. Bei mir jedenfalls ist das so. In kalten Monaten etwa neige ich eher zu naturbelassenen Tabaken, wie etwa den Sherlock Holmes von Peterson oder den Royal Exclusiv von Pöschl.  In den Sommermonaten dagegen sind es für mich eher die Tabake mit einem aromatischen Charakter, wie der Chateau Henri Nummer 36 von Peter Heinrichs oder der African Dream von Planta.

Aber der Kontext, in dem das Pfeiferauchen stattfindet, geht natürlich weit über Jahreszeit und Wetterlage hinaus.  Rauche ich drinnen oder draußen? Rauche ich gemeinsam mit Freunden oder Fremden? Oder rauche ich allein? Mache ich es mir bequem oder gehe ich spazieren? Höre ich dabei Musik oder den Vögeln beim Singen zu? Esse oder trinke ich etwas dabei? Und die wichtigste Frage: steht das Pfeiferauchen selbst im Fokus meiner Aufmerksamkeit oder gehört es vielleicht zum Kontext?

Letzteres ist bei mir oft der Fall, wenn ich gemeinsam mit anderen meine Pfeife genieße. Dann gilt oft die größte Aufmerksamkeit dem Gespräch, und das Rauchen erzeugt dabei eine angenehm entspannte Atmosphäre.

Wie auch immer wir den Kontext gestalten, wichtig ist nur, dass wir ihn gestalten. Denn er hat Einfluss darauf, ob wir unsere Pfeife wirklich genießen können und wie wir das können. Also, Freunde, denkt an den Kontext! Manchmal entscheidet er darüber, wie uns die Dinge erscheinen, nicht die Dinge selbst.

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3 thoughts on “Der Kontext kann’s

  1. Das Phänomen kenne ich grundsätzlich und ist mir auch gerade erst selbst passiert. Ich stehe nichts ahnend am Neumarkt und werde von einer Frau begrüßt. Ich wusste, dass ich diese Frau kenne und trotzdem konnte ich sie irgendwie nicht zuordnen. Doch schon am nächsten Tag traf ich diese Frau wieder und grüßte sie, wie eigentlich jeden Tag zuerst. Und erst eine Millisekunde später ging mir auf, das diese Frau mich gestern in ungewohnter Umgebung gegüßt hat und ich nicht wusst wer sie war. Es ist die Putzfrau, die jeden Tag um 16 Uhr hier am Arbeitsplatz so nett alles wieder sauber macht. In ihrem Kittel, am gewohnten Ort erkenne ich die Frau schon quasi Blind, aber ohne den Kontext scheine ich Blind zu sein.

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