Heißgeraucht – ein Pfeifenraucher zur Euro-Krise

Sie ist überall, sitzt mit uns im Großraumbüro und am Tresen, springt uns aus der Zeitung an und poltert aus dem Fernseher in unsere Wohnzimmer. Sie isst mit der Familie zu Abend und hat ein Wörtchen mitzureden, wenn es um die Geburtstagsgeschenke für die Kleinen oder den nächsten Urlaub geht: die Angst vor der Wirtschaftskrise.

Jemand hat einen Presslufthammer in den „Ameisenhaufen Europa“ (Kästner) gehalten. Und jetzt laufen unsere Politiker wie kleine schwarze Punkte durcheinander und versuchen eine Phantastilliarde aufgewirbelter Sandkörner wieder genau so anzuordnen, wie sie waren, bevor der Presslufthammer den Haufen pulverisiert hatte.

Dabei gehen sie nach altbewährtem Muster vor. Sie erhalten Informationen und reagieren – so sieht es zumindest für mich aus – in aller Regel panisch und meistens ohne Konzept und nachhaltige Wirkung.

Herabstufung eines Landes durch eine Rating Agentur – Panik auf den Märkten, Verbal-Aktionismus in der Politik. So oder so ähnlich hat es sich in der jüngsten Vergangenheit nur allzu oft abgespielt. Vielleicht täusche ich mich ja, aber ich glaube dabei ein Muster zu erkennen: Information – Reaktion, Information – Reaktion, Information – Reaktion. Und so geht es immer weiter und immer schneller – und die Schuldenkrise wird schlimmer und schlimmer und rückt näher und näher. Vielleicht ist das ja so, nicht obwohl wir immer schneller auf Informationen reagieren, sondern weil wir das tun.

Und jetzt fragt Ihr Euch: was bitte schön hat das mit dem Pfeiferauchen zu tun? Vielleicht denkt Ihr Euch ja auch: „Jetzt dreht der Kerl total ab. Schnell weiterklicken, bevor mir dieser Wirtschaftslegastheniker mit seinem Krisengeschwätz noch den Tag versaut.“

Nun, für den Fall, dass ihr nicht weitergeklickt habt und noch bei mir seid, will ich es mit einer Antwort auf die Frage versuchen: Ich sagte ja, dass ich ein Muster in der aktuellen Schuldenkrise zu erkennen glaube. Genauer hätte ich sagen müssen, dass ich es wiederzuerkennen glaube: eine rasant an Geschwindigkeit zulegende Abfolge von Information und Reaktion, die trotz aller Geschwindigkeit nicht zu einer Lösung des Problems zu führen scheint.

Wir Pfeifenraucher kennen eine ähnliche Situation wie die beschriebene. Denkt mal an die heißgerauchte Pfeife! Wir ziehen heftig an der Pfeife, atmen aus, ziehen, atmen aus. Je schneller und gieriger wir das tun, desto heißer wird unsere Pfeife. Und dann haben wir sie heißgeraucht. Sie ist so heiß geworden, dass der Tabak ungenießbar und jeder weitere Zug die Gefahr von Zungen- oder sogar Pfeifenbrand in sich birgt.

Die Analogie zur Schuldenkrise ist ebenso offensichtlich wie fehlerhaft. Offensichtlich ist sie, weil das gierige Ziehen an der Pfeife unserer ständigen Gier nach Informationen gleicht und das Ausatmen dann der Reaktion. Nun ja, und wie beim Heißrauchen verschlimmert sich die Lage mit zunehmender Geschwindigkeit der Abfolge zwischen Ziehen und Ausatmen: die Pfeife wird heißer, die Schuldenkrise wird schlimmer.

Allerdings – und hier beginnt die Analogie anscheinend fehlerhaft zu werden – war das heftige Ziehen und Ausatmen bei unserer heißgerauchten Pfeife die Ursache des Ungemachs. In der Euro-Krise dagegen ist das von vielen geforderte immer schnellere Reagieren doch erst die Lösung, oder etwa nicht?

Ehrlich gesagt bin ich mir da nicht so sicher. Was, wenn die Schuldenkrise letztendlich dadurch verursacht wäre, dass wir alle uns bemüßigt finden, immer schneller auf jede Information reagieren zu müssen? Dann wäre die vermeintliche Lösung die eigentliche Ursache des Problems. Um noch einmal das obige Beispiel zu zitieren: Herabstufung eines Landes durch eine Rating Agentur – Panik auf den Märkten, Verbal-Aktionismus in der Politik – Chaos im betroffenen Land – weitere Herabstufung und so weiter und so fort.

Vielleicht täte es uns allen gut, hin und wieder die Pfeife ruhen zu lassen, damit sie sich abkühlen kann. Vielleicht wären ja unsere Politiker und sogar der eine oder andere Unternehmer oder Banker gut beraten, nicht immer schneller auf immer neue Informationen zu reagieren, sondern an der Entschleunigung der Abfolge von Information und Reaktion zu arbeiten. Schließlich kann es niemandem schaden, wenn zwischen Information und Reaktion noch so etwas wie eine vernünftige Überlegung – früher nannte man das Besonnenheit – stattfindet.

Was dagegen spricht? Nun, die Pfeife könnte ausgehen, wenn man sie ruhen lässt – die Wirtschaft zum Erliegen kommen, wenn man nicht reagiert. Stimmt. Andererseits: Wenn man hastig weiteraucht, um die Glut in Gang zu halten, dann kann die Pfeife in Brand geraten. Und das ist viel gefährlicher!

Wie so etwas übertragen auf eine Volkswirtschaft aussehen kann, erleben wir gerade in Griechenland. Es brennt lichterloh. Die Frage muss erlaubt sein, ob ein kontrollierter Neustart mit Hilfe europäischer Freunde nicht besser gewesen wäre oder immer noch besser ist als die hitzigen Rettungsversuche, die bei vielen Griechen ganz offensichtlich ein Gefühl der Demütigung erzeugen, das dem der Deutschen angesichts des Versailler Vertrags vom 28. Juni 1919 nicht ganz unähnlich zu sein scheint.

Ich bin weder Politiker noch Finanzexperte. Es ist also lediglich ein Gefühl, das mir sagt, dass die augenblickliche Lösung gar keine Lösung ist, sondern Teil eines Problems, dessen mögliche Ausmaße wir in unserem kurzatmig gewordenen Alltag kaum zu erfassen imstande sind. Gefühle können daneben liegen. Ganz klar. Sie können aber auch Orientierung geben in einer Welt, die sich viel zu schnell dreht für unseren Verstand.

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One thought on “Heißgeraucht – ein Pfeifenraucher zur Euro-Krise

  1. Ich glaube durchaus, dass die Politik eine Absicht verfolgt, einen Plan und weniger drauf los handelt als es den Anschein hat. Leider ist der Plan nur den Status Quo zu erhalten. Das ist zurecht kein beruhigender Gedanke.

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