Die Zeiten ändern sich – manchmal nicht

Vieles, wenn nicht gar alles, verändert sich mit der Zeit. Nicht zuletzt verändert sie auch die Bedeutung von Worten und Redewendungen. Manchmal zum Besseren, wie zum Beispiel bei dem mittelalterlichen Wort Marschalc, das – ursprünglich war es die Bezeichnung für den Pferdepfleger bei Hofe – mittlerweile eine Karriere zum Marschall hingelegt hat und damit eine der höchsten militärischen Würden markiert.

Manchmal hingegen entwickelt sich die Bedeutung eines Wortes oder einer Redewendung hin zum Schlechteren. Das mag der Grund dafür sein, dass man bei dem Wort „Vatermörder“ heutzutage eher an den Sonntagabend-Tatort denkt als an den zuweilen als unbequem geltenden Stehkragen.

Jenseits der Wendung zum Besseren oder Schlechteren gibt es nun aber noch einen dritten Fall: Manchmal nämlich findet gar keine Entwicklung der Bedeutung statt. Zwar ist die Realität längst weiter und fordert verdammt nochmal eine Entwicklung. Aber diese weigert sich schlichtweg einzutreten. Eine derartige semantische Rückständigkeit erfahren wir Pfeifenraucher immer dann, wenn wieder einmal irgendein Witzbold erklärt, dieses oder jenes könne man in der Pfeife rauchen. Gemeint ist: dieses oder jenes tauge nichts.

Mag sein, dass es Zeiten gab, in denen bestimmte Tabakreste nicht zur Verarbeitung zu Zigaretten oder Zigarren taugten und trotzdem weiterverwertet wurden. Auch mag es sein, dass es in jenen längst vergangenen Zeiten Menschen gab, die untaugliche Tabakreste dann in der Pfeife geraucht und uns diese einprägsame Redewendung geschenkt haben. Mit der heutigen Realität indes hat diese Redewendung nichts mehr zu tun. Pfeifentabak ist meistens viel hochwertiger als der gängige Tabak in Zigaretten und steht dem Tabak einer Zigarre in nichts nach, wie ich finde.

Die einschlägige Redewendung suggeriert dem unbedarften Zuhörer jedoch, Pfeifenraucher würden wirklich alles in ihrer Pfeife qualmen. Hauptsache, es brennt. Das ist natürlich Unsinn. Wer das glaubt, ist wirklich eine Pfeife!

O weh, Ihr habt es sicherlich gemerkt: jetzt ist es mir selber rausgerutscht. Das Schimpfwort. Oder besser gesagt das schöne Wort „Pfeife“ schändlich als Schimpfwort missbraucht. Ähnlich wie die besagte Redewendung macht auch dieser Missbrauch jedem Pfeife rauchendem Sprachliebhaber das Leben schwer.  Ziemlich genau so verhält es sich mit „Pfeifenkopf“ oder „Pfeifen-August“.  All diese  sprachlichen Verwendungen unseres geliebten Rauchgeräts führen fast schon zu einer subtilen Form sprachlicher Diskriminierung von Pfeifenrauchern, findet Ihr nicht?

Übrigens ist die Sache mit der Pfeife kein Einzelfall sprachlicher Diskriminierung dieser Art. Peter Manderfeld vom Strumpfblog uSock hat ähnliche Erfahrungen gemacht. „Alte Socke, faule Socke, Stinksocke, Sockenschuss – die deutsche Sprache lässt kein gutes Haar an unserem geliebten Fußschmuck“, so der Blogger. „Wir bei  uSock sprechen unter anderem deshalb auch von Strümpfen, nicht von Socken.“

Na, da bin ich ja von den Socken! So eine Lösung hätte ich auch gerne in der Hinterhand. Aber leider gibt es für das Wort „Pfeife“ keinen adäquaten Ersatz. Bleibt also nur die Hoffnung, dass die Zeit die ungeliebte Redewendung samt allen sprachlichen Missbräuchen irgendwann ins Reich der historischen Sprachforschung verbannt. Besonders zuversichtlich bin ich allerdings nicht.

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