Auf der Suche nach dem verlorenen Raum

Für diese Erkenntnis habe ich lange gebraucht. Aber jetzt weiß ich es: ich bin ein Sommermensch. Der Sommer ist ganz klar meine Jahreszeit. Dafür gibt es viele Gründe. Die meisten will ich Euch ersparen. Aber es gibt einen Grund, der Euch vielleicht doch interessieren könnte. Seitdem ich Pfeifenraucher bin, weiß ich den Sommer nämlich auch deshalb besonders zu schätzen, weil er ein Problem löst. Von diesem Problem möchte ich kurz erzählen.

Wie viele Menschen lebe ich in einem Nichtraucherhaushalt. Meine Frau ist Nichtraucherin, und meine Söhne sind ebenfalls Nichtraucher. Letzteres ist, da keiner der beiden älter ist als dreieinhalb Jahre, wohl nicht besonders verwunderlich. Nun bringt es dieser Umstand allerdings mit sich, dass die gemütlich im Lieblingswohnzimmersessel genossene Pfeife für mich ein unwahrscheinliches Szenario, um nicht zu sagen: ein Tabu ist. Während der Arbeit im Büro zu rauchen ist ähnlich utopisch, und welcher Chef würde nicht gereizt reagieren, wenn ich ihm erklärte: „Bin mal eben in der Pfeifenraucherpause. Tut mir ja leid, Chef, aber wir Pfeifenraucher sind eher Genießertypen. Wir sehen uns also frühestens in einer halben Stunde wieder.“

Nun ja, werdet Ihr sagen, dann kehr doch auf dem Heimweg vom Büro in einer der vielen Raucherkneipen ein. Und Ihr hättet nicht Unrecht. Seit das Bundesverfassungsgericht am 30. Juli 2008 das so genannte Nichtraucherschutzgesetz gekippt und damit eine Novellierung des Gesetzes erwirkt hatte, ist ja das Chaos perfekt: es gibt ein Rauchverbot, aber keiner hält sich dran, weil es für jede Gaststätte die passende Ausnahme gibt.

Die Sache ist nur die: Seitdem es vielen Zigarettenrauchern ähnlich geht wie mir, sind mindestens eben so viele von ihnen auf diese Idee gekommen. Und jedes Mal, wenn ich eine Raucherkneipe wieder verlasse, habe ich das Gefühl, ich hätte mein Bier in einem brennenden Haus getrunken: gereizte Augen, Nikotin und Teer tingierte Haut, und mein zuvor weißes Hemd hat vor Verzweiflung Champagnerfarbe angenommen – nur eben, dass es dabei ganz und gar nicht nach dem Edelprodukt riecht.

Dazu kommt noch, dass auch mein Gerechtigkeitssinn an der Situation Anstoß nimmt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich einige Monate vor der Geburt meines zweitens Sohnes mit meiner Frau ausging. In eine Cocktailbar. Sie, um ein alkoholfreies Fruchtsaftgemisch, ich um einen Mojito zu genießen. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Leider fanden wir in ganz Köln keine Bar, die wir ruhigen Gewissens aufsuchen konnten. Wenn man schon seinem ungeborenen Kind die Alkoholbombe erspart, will man es ja auch nicht den Nikotinkanonen der Mitmenschen aussetzen, oder? Also was nun?

Uns jedenfalls ist damals nichts anderes übrig geblieben, als nach Hause zu fahren, um uns selbst unsere Getränke zu mixen. Gewiss, das war billiger. Aber macht es wirklich Sinn, Schwangere oder Menschen mit empfindlichen Augen oder empfindlichen Lungen oder einfach nur mit intaktem Geruchssinn auszugrenzen? Ich finde nicht.

Nun plant ja die nordrheinwestfälische Landesregierung bekanntermaßen die Ausweitung des Rauchverbots. Dazu mag man stehen, wie man will. Ich jedenfalls bin der Meinung, dass derjenige, der durch seine Aktivitäten die Freiheit des Anderen einschränkt, im Zweifelsfall zurückstecken muss. Nur weil ich nachts um drei Uhr unwahrscheinlich Lust auf laute Musik verspüre, heißt das noch lange nicht, dass ich meinen Nachbarn das jede Nacht antun darf. So ähnlich verhält es sich auch beim Rauchen. Wer raucht, muss Rücksicht nehmen. Nicht, wer nicht raucht.

Bin ich also für die geplante Verschärfung des Rauchverbots? Nun, es hätte jedenfalls auch zur Folge, dass ich kaum noch Gelegenheit hätte, in einer Gaststätte oder einem wirklichen Raucherclub gemütlich meine Pfeife zu rauchen. Ich müsste es im Freien tun. Was ich de facto meistens ohnehin so halte. Das ist übrigens der Grund, warum ich den Sommer mag: hier ist es meistens möglich, sich eine halbe Stunde an der frischen Luft aufzuhalten und dabei eine Pfeife zu genießen, ohne zu frieren.

Aber zurück zum Rauchverbot. Es geht ja nicht nur um mich und meine Pfeife, sondern um alle Nichtraucher und Raucher, die irgendwie miteinander klarkommen müssen. Würde das neue Nichtraucherschutzgesetz mehr Freiheiten für Nichtraucher schaffen? Gewiss. Würde es die Freiheiten der Raucher unnötig einschränken? Auch das ist irgendwie nicht von der Hand zu weisen, finde ich. Dazu fällt mir eine ganz bestimmte Stelle aus Goethes Faust ein, die ich immer mal zitieren wollte. Nun passt sie endlich:

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
die eine will sich von der andern trennen:
die eine hält in derber Raucherlust
sich an Genuss mit klammernden Organen,
die andre will gewaltsam weg vom Dunst
und neue Rauchverbote planen.“

Ja, ja – ich geb’s ja zu: so ganz habe ich mich beim Zitieren nicht ans Original gehalten. Umso besser beschreibt der abgewandelte Goethe aber meinen Seelenzustand hinsichtlich des Nichtraucherschutzgesetzes.

Ich finde, es ist immer nur die zweitbeste Lösung, wenn zwischenmenschliche Dinge durch ein Gesetz geregelt werden müssen. Die erstbeste ist meiner Meinung nach eine gesunde Mischung aus Vernunft, Rücksicht und Toleranz. Und hier kann jeder selbst entscheiden, ob wir Raucher uns in den letzten Jahren so verhalten haben. In vielen Lebenslagen schon, in Gaststätten jedoch nicht, finde ich. Und deshalb – so traurig das auch sein mag – ist wohl ein Gesetz notwendig, das ja auch kommen wird. So sicher, wie der Winter kommen wird. Dann aber beginnt meine große Suche. Die Suche nach dem verlorenen Raum. Nach dem Raum, in dem ich bei kaltem Novemberwetter gemütlich meine Pfeife rauchen kann, ohne dabei meine nichtrauchenden Mitmenschen zu belästigen oder gegen ein Gesetz zu verstoßen.

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2 thoughts on “Auf der Suche nach dem verlorenen Raum

  1. Lieber Patrick!

    Das ist eben unser modernes Dilemma! Keiner ist mehr bereit, für seinen “Genuss”, mir persönlich gefällt “Schwäche” besser, angemessen zu bezahlen. Es muss immer ALLES sein! Nichtraucher finden Raucherkneipen gut, wenn nur nicht geraucht würde. Raucher würden gerne rauchen, wenn nur die Tapete nicht so schmuddelig würde. Das könnte man jetzt beliebig fortsetzen. Aber leider ist im Leben nichts umsonst. Weder das Rauchen noch das Nichtrauchen!

    Liebe Grüße

    Billy Bones

    • Hallo Billy Bones, ja das ist was dran. Vielleicht fällt es mir auch deshalb so schwer, mich für oder gegen ein Rauchverbot auszusprechen. Ich kann irgendwie beide Seiten nachvollziehen. Mal sehen, was die Politik jetzt letztendlich macht.
      Herzliche Grüße,
      Patrick

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