Das Bankgeheimnis

Es gibt keine Wahrheit, glaube ich, die öfter ausgesprochen wird als der Satz vom Weg, der das Ziel sei. Aber gerade dadurch ist sie ein wenig zur Banalität verkümmert. Jedenfalls ist das mein Eindruck. Wir tun immer so als hätten wir sie verstanden. Die Wahrheit aber ist: Wir verstehen nichts.

Meine Lieblingsbank auf Ibiza

Außer Atem hecheln wir von Ziel zu Ziel. Wir wollen dieses erreichen, freuen uns auf jenes Ereignis und wünschen es uns besser heute als morgen herbei. Dabei haben wir verlernt, den Augenblick um seiner selbst willen zu lieben. Wir sehen ihn immer nur im Licht unserer Ziele.

Kinder können den Moment noch genießen. Sie machen sich keine Gedanken über die Konsequenz ihres Tuns und Treibens. Unsere Lehren interessieren sie deshalb auch nicht. Anders kann ich mir zumindest das Verhalten meines kleinen Sohnes nicht erklären. In unserem Familienurlaub auf Ibiza hatte er nämlich seine Leidenschaft für ein neues Hobby entdeckt. Er warf Dinge über die Balkonbrüstung.

Dabei machte er keinen Unterschied, ob es sich um sein kleines, rotes Feuerwehrauto, eine Gabel mit samt frisch gekochter Nudel oder einen Besen handelte, dessen Stiehl fast doppelt so lang war wie er. Machte er sich Gedanken darüber, was der Wurf einer Gabel über die Balkonbrüstung bedeutete? Für ihn, der seines Bestecks verlustig ging? Für uns Eltern, die wir sie wieder einsammeln mussten? Für die Nudel auf der Gabel, die wir – ich gebe es freimütig zu – oft nicht wieder zurückbrachten? Kümmerte ihn meine Angst, plötzlich meine Pfeife über die Brüstung segeln zu sehen?

Die Antwort lautet kurz und knapp: Nein. Anders wäre seine Freude an dem Unfug ja auch nicht zu erklären gewesen.

Meine Lieblingsbank in Königsdorf

Nun will ich freilich keinen Aufruf zum Leben ohne Zukunft starten. Aber es sollte die Augenblicke geben, in denen Ziele und Zukunft keine Rolle spielen. Die Augenblicke, in denen wir wieder ganz bei uns sind.

Die Menschheit hat für die Augenblicke, in denen der Weg ganz das Ziel ist, eigene Tempel geschaffen. Es gibt Millionen von ihnen, und man findet sie überall – wenn man nur offenen Auges wandert. Es sind dies die Bänke, die uns an Wanderwegen, in Parks, auf Bergen und vielen anderen, besonderen Orten zum Verweilen einladen. Denn es ist das wahre Geheimnis öffentlicher Bänke, dass sie uns sagen wollen: „Verweile ein wenig, denn der Weg ist schnell genug zu ende.“ Also lasst euch mal auf der nächsten schönen Bank nieder, raucht eine Pfeife und lasst die Welt sich ohne euch drehen.

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