Eine Geliebte zur Pfeife

Uns Pfeifenrauchern sagt man mitunter nach, dass wir gerne gegen den Strom schwimmen. Manchmal auch, dass wir ein wenig schrullig sind. Gegen den Strom der jüngsten Medienberichterstattung möchte ich aus gegebenem Anlass jetzt im Kraulstil schwimmen. Allerdings hege ich die geheime Hoffnung, dass das nichts mit Schrulligkeit, sondern mit gesundem Menschenverstand zu tun hat. Aber ich kann mich natürlich auch irren.

Warum es geht? Nun, ich möchte öffentlich eine alte Geliebte von mir verteidigen, über die unsere Medien in letzter Zeit mit einer nachgerade frivolen Gier herfallen. Mit dieser Geliebten treffe ich mich jedes Jahr aufs Neue um dieselbe Zeit: immer Ende März. Sie bleibt dann immer für ein halbes Jahr. Es ist eine schöne Zeit, in der wir gemeinsam die eine oder andere Pfeife an langen Sommerabenden genießen. Dann verlässt sie mich wieder. Doch traurig bin ich nie. Denn ich weiß, sie kommt wieder: meine Geliebte, die Sommerzeit.

Nun kennen wir ja alle das Medientheater, das sich zweimal im Jahr anlässlich der Zeitumstellung abspielt. Dieses Jahr indes haben sich Boulevardpresse und Öffentlich-Rechtliche selbst übertroffen. Es fand eine regelrechte Hetzkampagne gegen die Sommerzeit statt. Zumindest habe ich das so empfunden. Das ging so weit, dass mich ausgewachsene Zweifel ankamen, ob ich meine geliebte Sommerzeit im nächsten Jahr wieder sehen werde. Darüber habe mich derart geärgert, dass ich jetzt mal die Stimme für die Sommerzeit erheben will: zunächst als arbeitender Familienvater, dann als professioneller PR-Berater und zum Schluss natürlich als Pfeifenraucher.

Ein gerne und zuhauf vorgebrachtes Argument gegen die Sommerzeit ist die fehlende Stunde nach der Zeitumstellung. Sie werfe ganze Familien und mindestens 90 Prozent der hart arbeitenden Bevölkerung völlig aus der Bahn, könnte man meinen.

Nun kann ich als Vater zweier kleiner Jungs, der einer geregelten Arbeit nachgeht, sagen, dass es nicht die Sommerzeit ist, die mich mindestens zweimal die Woche ein bis zwei Stunden Schlaf kostet. Und trotzdem wirft mich das nicht aus der Bahn. Das hat allerdings nichts damit zu tun, dass ich irgendwelche geheimen Superkräfte besitze. Es hat damit zu tun, dass wir Menschen so gebaut sind, dass wir hin und wieder auf eine Stunde Schlaf verzichten können. Allemal, wenn es lediglich um eine einzige Stunde im ganzen Jahr geht.

Wer noch Zweifel hat, stelle sich selbst einmal die Frage, ob er nicht viel häufiger als nur ein einziges Mal im Jahr seinen regelmäßigen Tag-Nacht-Rhythmus um eine Stunde betrügt, wenn er abends bei einem spannenden Spielfilm, einem guten Gespräch oder einem Bier mit dem besten Freund hängen bleibt. Oder noch schlimmer: wenn er einen Langstreckenflug durch unterschiedliche Zeitzonen unternimmt. Welch geringe Bedeutung hat verglichen mit derartigen Ereignissen diese winzige Stunde, die wir einmal im Jahr an die Sommerzeit abtreten, um sie sechs Monate später zurück zu bekommen!

Wenn der einmalige Verzicht auf eine Stunde Schlaf aber so unbedeutend ist, warum dann das hitzige Aufbegehren der Öffentlichkeit? Was treibt die Medien an, aus einer Nichtigkeit eine Topstory zu machen? Als PR-Berater, der sich ein wenig mit Medien auskennt, traue ich mir eine Antwort auf diese Frage zu. Kurz gesagt hängt das mediale Aufbegehren meiner Einschätzung nach mit dem Berufsethos vieler Journalisten zusammen.

Das typische journalistische Selbstverständnis in der westlichen Welt zeichnet sich dadurch aus, dass die freie Presse als so genannte vierte Macht im Staat gilt. Vereinfacht heißt das, Medien haben die Aufgabe Dinge kritisch zu hinterfragen und Missstände aufzudecken. Und meine persönliche Meinung ist es, dass wir uns in Deutschland glücklich schätzen dürfen, Journalisten zu haben, die sich diesem Anspruch verpflichtet fühlen.

Allerdings gibt es auch Risiken und Nebenwirkungen. Eine häufig verbreitete Nebenwirkung ist beispielsweise, dass aus Mangel an wirklich relevanten Geschichten oder einfach nur aus Mangel an Phantasie Dinge zu Missständen hochskandalisiert werden, die in Wirklichkeit nichts weiter sind als kleinere Unannehmlichkeiten. Oder wie im Fall der Umstellung auf die Sommerzeit: Nichtigkeiten.

Nun gut, könnte man sagen, der zeitweilige Verlust einer einzigen Stunde ist wirklich kein Beinbruch, und die mediale Aufregung ist vielleicht wirklich nur ein Sturm im Wasserglas. Aber warum in drei Teufelsnamen sollte man denn überhaupt auf die Sommerzeit umstellen. Aus energiewirtschaftlicher Sicht gilt die Sommerzeit doch inzwischen als irrelevant. Zumindest das habe ich aus der Berichterstattung der vergangenen Wochen gelernt.

Meine persönliche Meinung als Pfeifenraucher dazu ist: die Sommerzeit ist einfach praktisch. Wie viele Menschen in Deutschland verbringe ich meine Tage im Büro. Die Sonne sehe ich im Winter selten. Im Sommer bin ich dann froh, dass ich nach Feierabend durch die Zeitumstellung eine ganze Stunde länger die Sonne genießen kann, als das durch die eigentlich für unsere Zeitzone korrekte Zeit möglich wäre. Das gilt umso mehr, als ich durch das um sich greifende Rauchverbot meine Pfeife zunehmend unter freiem Himmel genießen muss. Als Pfeifenraucher finde ich die Sommerzeit deshalb wirklich gut. Und ich verzichte gerne kurzfristig auf eine einzige Stunde, wenn ich dadurch mittelfristig meine Genussbilanz über die folgenden sechs Monate erheblich verbessern kann. Aus diesem Grund wünsche ich jetzt, da der Akt der Zeitumstellung vollzogen und der Verlust der Stunde vielleicht schon verwunden ist, allen Lesern genussreiche und warme Sommerabende mit der Pfeife, mit einem guten Drink oder was sonst noch dazu gehört – vor allem aber mit mehr Sonnenlicht dank meiner Geliebten, der Sommerzeit!

p.s.: Bei diesem Text handelt es sich um die aktuelle Ausgabe meiner Kolumne “Eingeraucht”, die quartalsweise auf Smokersplanet.de erscheint.

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