Weise oder verdammt?

Wir Pfeifenraucher sind anders. Irgendwie besonders, nicht wahr? Ja, seien wir ehrlich, wir sind skurriler aber auch weiser als der Rest der Menschheit. So oder so ähnlich könnte man ein gängiges Vorurteil zusammenfassen, das bei nicht Pfeife rauchenden Menschen weit verbreitet ist. Und wenn wir Pfeifenraucher tief in die Abgründe unserer besonderen, skurrilen und weisen Seele hinabblicken, stellen wir plötzlich fest: Wir genießen dieses Vorurteil. Wer wäre nicht gerne etwas Besonderes? Und wir kokettieren mit diesem Vorurteil – wenn wir es auch nicht wirklich ernst nehmen.

Ich gestehe, ich hätte es nicht für möglich gehalten. Aber das Vorurteil ist nun tatsächlich amtlich geworden und hat Niederschlag in unser Rechtssystem gefunden: Wir Pfeifenraucher sind nicht nur besonders, wir sind auch besonders weise – und das nun per Gesetz.

Dafür hat am 26. Februar das Parlament der Europäischen Union gesorgt. An diesem denkwürdigen Tag hat es eine neue EU-Richtlinie für Tabakerzeugnisse angenommen, die es in sich hat. Aromatisierende Zusatzstoffe werden untersagt, auf den Verpackungen müssen abschreckende Bilder mit Krankheitserscheinungen zu sehen sein und Werbebotschaften werden so gut wie verboten.

Lange Zeit war unklar, ob diese Regelungen auch für Pfeifentabake in Kraft treten würden. Und ich muss ehrlich zugeben, dass es mir während dieser Zeit ein wenig bange um mein Hobby war. Was den meisten Zigarettenrauchern nicht mehr als ein mitleidiges Lächeln entlockte – für die betulichen Anstrengungen lebensferner EU-Politiker einerseits und für einen Helmut Schmidt andererseits, der vielleicht doch noch den Verzicht üben muss, den ihm die deutsche Gesetzgebung alleine nicht abtrotzen konnte – das hätte mir wie vermutlich manchem Pfeifenraucher die Freude am Tabakgenuss vielleicht wirklich verleiden können.

Es hätte keine aromatische Vielfalt mehr gegeben, die liebevoll gestalteten Tabakdosen von Planta, Kohlhase & Kopp oder Peterson hätten der Vergangenheit angehört, und ohne Werbebotschaft hätte mir tatsächlich eine entscheidende Inspiration zum Genuss gefehlt. Das Lebensgefühl, für das eine einfallsreiche Tabakkomposition stehen kann, hätte nicht mehr kommuniziert werden können. Man hätte aus einem bunten Genussparadies einen grauen Paragraphenparkplatz gemacht.

Häufig schien genau das in der Vergangenheit ja die Mission der europäischen Gesetzgebung zu sein. Nicht jedoch am 26. Februar. Da entschied man sich nämlich dazu, uns Pfeifenraucher wie auch Zigarren- und Zigarilloraucher von der strengen Gesetzgebung auszunehmen. Folgt man der Argumentation der EU, so scheint das zum Einen daran zu liegen, dass Pfeiferauchen nicht besonders weit verbreitet ist. Wir Pfeifenraucher sind also wirklich etwas Besonderes. Oder zumindest etwas Seltenes. Aber immerhin.

Fragt man nun nach der offiziellen Motivation für die neue EU-Richtlinie, so stößt man neben der anscheinend weiten Verbreitung des Rauchens schnell auf dessen gesundheitlichen Risiken. Jedes Jahr registriert die EU ungefähr 700.000 durch das Rauchen verursachte Todesfälle. Angesichts dieser Gefahr scheint sich die EU-Politik einig: Die gesamte Raucherschaft muss zu ihrem Glück gezwungen werden. Alles, was von den Gefahren des Rauchens ablenken könnte, wie besonderes Aroma oder animierende Werbung, wird verboten. Die EU-Politik geriert sich dabei, als ginge es ihr ausschließlich um Aufklärung des von der Industrie grob getäuschten Bürgers.

Der Philosoph Immanuel Kant hat einmal über die Aufklärung gesagt: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Wenn Kant auch nur ungefähr die Wahrheit gesagt hat, dann kann die Entmündigung durch ein Gesetz vermutlich nicht zur Aufklärung beitragen. Und da die neue EU-Richtlinie den Bürgern nicht mehr Information verschafft, sondern ihnen stattdessen den Entscheidungsspielraum reduziert, handelt es sich hier wohl eher um Entmündigung denn um Aufklärung.

Uns Genussraucher von Pfeifen, Zigarren und Zigarillos hält die EU indessen offenbar für weise genug, das Marketingspiel der Tabakindustrie zu durchschauen. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, dass uns die EU von der neuen Richtlinie ausnimmt. Von Rechts wegen sind wir Pfeifenraucher seit Februar also nicht nur etwas Besonderes sondern auch noch besonders weise.

So könnte man es sehen. Es gibt aber auch noch eine andere mögliche Interpretation. Vielleicht handelt es sich ja auch um eine eiskalt kalkulierende Verschwörung. Man glaubt zwar, dass wir Pfeifenraucher weise und mündige Menschen sind, hofft aber zugleich, dass wir uns durch unser Hobby irgendwann selbst ausrotten. Was bliebe, wäre eine EU mit einem reduzierten Maß an mündigen Menschen. Das Paradies für jeden Europapolitiker. Und außerdem Wasser auf die Mühlen von Anhängern skurriler Verschwörungstheorien.

Welche Motivation der Ausnahmeregelung auch immer zugrunde liegt, ich bin jedenfalls froh, dass es sie gibt. Hoffentlich bleibt uns Genussrauchern die Vielfalt unserer geliebten Tabakprodukte noch ein wenig erhalten.

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