„Stolz und Frust liegen hier eng bei einander“

Vor rund vier Jahren hat Marcel Wagner einen Meerschaumpfeifenschnitzer in der Türkei besucht. Marcel ist Journalist beim SWR und seit Jahren einer meiner besten Freunde. Mit ihm habe ich über das Geschäft des Meerschaumpfeifenschnitzens gesprochen. Er hatte Interessantes, Skurriles aber auch Trauriges zu berichten.

Marcel, wie seid Ihr damals darauf gekommen, einen Bericht über Meerschaum zu drehen?

Wir hatten im SWR die Redaktion für die Sendung „Zoom Europa“, die damals noch auf ARTE lief. Als Volontär durfte ich mich um das Schlussstück kümmern, das etwas unterhaltender als der Rest der Sendung sein durfte, aber auch einen kulturellen und sozialen Aspekt haben sollte. In der Redaktion kannten viele Kollegen Meerschaumpfeifen noch von früher. Ich selbst erinnerte mich daran, dass mein Vater eine schöne Meerschaumpfeife, die einen Löwenkopf darstellte, geraucht hat, als ich klein war. Viele Leute besaßen damals solche Pfeifen. Heute kennt sie kaum noch jemand. So hatten wir die Idee, uns auf die Suche zu machen, was eigentlich aus den Meerschaumkünstlern in der Türkei geworden ist.

Und, was ist aus ihnen geworden?

Die Situation ist wirklich traurig. Ich habe für meinen Bericht Muharrem Yilmaz begleitet, der eine der letzten Meerschaum-Werkstätten in Eskisehir besitzt. In seinem Atelier schnitzen noch vier alte Meister wundervolle Meerschaumpfeifen. Es war ein großes Vergnügen und eine wahre Freude, ihnen dabei über die Schulter schauen zu dürfen. Sie besitzen eine wunderbare Ruhe und Kunstfertigkeit. Aus einem klobigen Stück Meerschaum schnitzen sie in  nur einem Tag oder weniger einen herrlichen und kunstvoll gestalteten Pfeifenkopf. Wenn am Nachmittag die Rakiflasche kreist, herrscht in der Werkstatt eine großartige, beseelte Stimmung. Der Sohn von Muharrem Yilmaz lernt das Handwerk ebenfalls, ist aber vielleicht der letzte Repräsentant dieser aussterbenden Kunst. Früher, hat mir Herr Yilmaz erzählt, gab es hunderte von Meerschaumkünstlern in Eskisehir. Heute sind gerade mal etwa dreißig, hauptsächlich alte Handwerker übrig. In der Gewinnung haben in den nahe gelegenen Abbaugebieten in Hochzeiten tausende Bergarbeiter nach Meerschaum gegraben. Heute gibt es kaum noch welche. Die meisten Minen sind verwaist und verfallen. In einem Teehaus in einem der kleinen Meerschaum-Dörfer sagte mir ein Jugendlicher, dass all seine Freunde in die Stadt gezogen seien, weil es dort sauberere und leichtere Arbeit gebe, die außerdem noch sozialversichert sei. Eskisehir ist mit rund 70.000 Studenten eine der modernsten Städte der Türkei und besitzt eine enorme Anziehungskraft. In den Dörfern haben wir fast nur alte Menschen getroffen.

Aber zumindest in kleinem Umfang wird Meerschaum ja noch gefördert. Wie sind denn die Bedingungen? Können die Menschen davon leben?

Um ehrlich zu sein: Die Bedingungen sind miserabel! Die Bergbauern arbeiten wie vor Jahrzehnten, wenn nicht sogar Jahrhunderten in selbst gegrabenen, tiefen Stollen, die mit Petroleumfunzeln beleuchtet werden, keine Abluft haben und auch nicht wirklich abgestützt sind. Ab und zu stürzen diese Stollen auch ein, bisweilen sterben Kumpels darin. Den Meerschaum, der in Klumpen von ganz verschiedener Größe im Erdreich steckt, schlagen sie mit Hacken aus den Wänden der Stollen, die meist gerade mal so hoch sind, dass man darin liegen oder hocken kann. Ich bin mit meinem Kamerateam in einen Schacht hinab gestiegen, der zwar nicht ganz so tief, aber genau so eng war. Das Ganze hatte was von Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ und erinnerte auch an die Zeiten von Jules Verne. Da die Nachfrage immer weiter zurückgegangen ist, können die Meerschaum-Meister auch nicht mehr besonders viel dafür zahlen. Viele der Bergbauern sind sehr alt und machen die Arbeit nur noch nebenbei.

Hat der Meerschaum denn immer noch eine Tradition, eine kulturelle Bedeutung?

Durchaus! In Eskisehir gibt es ein wundervolles Meerschaum-Museum, das beeindruckende Pfeifen von immenser Größe und überragender Ornamentik beherbergt. Das Museum zeigt auch Bilder und Geschichten aus der Hochzeit des Meerschaums, als die ganze Region von dem Mineral profitiert hat. In der Stadt gibt es noch viele Geschäfte, die Pfeifen oder auch Schmuck aus Meerschaum verkaufen. Aber, wie gesagt: Eskisehir ist eine moderne Stadt, die heute viel mehr zu bieten hat. Die Dörfer hingegen atmen nur noch Verfall und Erinnerung an vergangene Zeiten. Das Dorf, in dem wir waren, heißt sogar „Beyazaltin“, zu Deutsch „weißes Gold“, womit natürlich der Meerschaum gemeint ist. Das verrostete Ortsschild ziert eine Pfeife. Stolz und Frust liegen hier eng beieinander.

Gibt es dann bald überhaupt keine Meerschaum-Pfeifen aus der Türkei mehr?

Es wird sie sicherlich noch hier und da geben. Der Sohn von Muharrem Yilmaz möchte sie stärker auch über das Internet vertreiben, allerdings gibt es von Deutschland aus immer noch keinen guten Zugang. Sammler aus aller Welt bestellen von Zeit zu Zeit Auftragsarbeiten. In jedem geordneten Pfeifengeschäft finden sich auch heute noch Meerschaumpfeifen. Solange diese Nachfrage vorhanden ist, werden die Künstler von Eskisehir ihr Handwerk weiter pflegen. Ich denke, jede gekaufte Pfeife trägt dazu bei, dass diese Kultur erhalten bleibt. Aber der Nachwuchs bleibt aus und vermutlich wird es in absehbarer Zeit nur noch ganz wenige Menschen geben, die die Kunst des Pfeifenschnitzens so beherrschen wie Muharrem Yilmaz und seine alten Meister.

Vielen Dank, Marcel!

Ähnliches Thema:

2 thoughts on “„Stolz und Frust liegen hier eng bei einander“

  1. Hallo ich hätte ne frage ich habe ne alte Meerschaumpfeife jedoch ist das Mundstück beschädigt …. wo kann man neue kaufen ich finde in Internet nichts. Könnten Sie mir weiter helfen?

Hinterlasse einen Kommentar zu Daniel Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>