Geschäftsgebaren

Am Donnerstag erreichte mich ein lang erwartetes Paket aus den USA. Ich hatte mir wieder einmal neuen Tabak von Cornell & Diehl bestellt. Mit dabei ein Tabak namens „Easy Times“, eine Mischung aus rotem Virginia, Latakia und 20 Jahre altem Kentucky Burley. Im Klappentext des Tabaks wird er mit folgenden Worten beschrieben:

„A blend that hearkens back to porch settin’ and checkers playin’. Red Virginia is combined with dark fired Kentucky Burley and a bit of Latakia for a classic, laid back American English mixture.”

Das Bild auf der Dose zeigt dann auch wirklich zwei Männer beim Brettspiel. Allerdings sitzen die beiden nicht in irgendeinem Park oder Straßencafe. Im Hintergrund sieht man Regale, die eher an ein Geschäft denken lassen. Daher war es auch meine erste Association, dass hier das Brettspiel und die Pfeifen, die die beiden Herren sichtlich genießen, nur zur Atmosphäre für etwas ganz anderes gehören. Etwas, das den eigentlichen Kern ihres Gesprächs ausmacht. Mein Gedanke war, dass hier Geschäfte besprochen werden.

Aber warum dann „Easy Times“ und nicht „Business Time“ oder so etwas Ähnliches? Gute Frage, dachte ich mir, und zündete mir eine Pfeife meines neuen Tabaks an. Der Geschmack war herrlich würzig und versetzte mich gleich in Entspannung. Und wie ich so dasaß auf meiner Raucher-Bank im Garten, kam mir eine weitere Frage in den Sinn: Wer sagt uns eigentlich, dass „Business Times“ nicht zugleich auch „Easy Times“ sein können?

Wir reden heute so viel über das Managen von Kundenbeziehungen, von A-, B- und C-Kunden und vom Kunden als König. Vergessen ist die gute alte Rede vom „Geschäftsfreund“ oder von „Geschäftsgebaren“. Stattdessen regeln Compliancehüter und kurzfristige Aussicht auf Profit in vielen Unternehmen den Umgang mit Kunden und Zulieferern. Persönliche Beziehungen haben da schon fast etwas Anrüchiges. Vorwürfe von Klüngelei und Vetternwirtschaft liegen schnell in der Luft.

In anderen Kulturen ist das anders. Vor einigen Wochen war ich beruflich in Singapur. Dort habe ich viel über das chinesische Guanxi Prinzip gelernt. Hier geht es nicht, wie bei uns so oft, um die geschäftlichen Beziehungen zwischen zwei Unternehmen. Nein, hier macht man Geschäfte auf der Basis der persönlichen Beziehung zu anderen Menschen. Dabei spielen auch persönliche Gefallen, die man seinem Gegenüber tut oder schuldet, eine wichtige Rolle.

Spätestens jetzt höre ich sie schreien und sehe vor meinem geistigen Auge vor mir, wie sie den moralischen Zeigefinger in die Höhe schnellen lassen. „Sie“ – das sind all die rechtschaffenen Juristen in den mächtigen Complianceabteilungen vieler Konzerne. Ja, das Guanxi Prinzip könnte fast als der natürliche Feind der Compliancekultur angesehen werden. Nur eben, dass es in diesem Fall das Prinzip aus dem fernen Osten ist, dass uns Menschlichkeit im Geschäftsleben lehren kann. Denn was ist menschlicher, als Geschäfte bevorzugt mit Menschen zu machen, die man kennt und schätzt?

Die Verfechter der Compliancekultur stellen das Menschliche in einer Geschäftsbeziehung allzu gerne als Schwäche, wenn nicht gar als Verwerflichkeit dar. Oft stimmt das ja auch. Besonders, wenn handfeste Korruption im Spiel ist. Manchmal indes hat diese Menschlichkeit einen großen Nutzen für das eigene Unternehmen. Wir machen Geschäfte mit Personen, denen wir vertrauen, nicht zwingend mit jenen, die uns das billigste Angebot unterbreiten. So verringern wir die Wahrscheinlichkeit, dass sich das billigste Angebot als finanzielles Fass ohne Boden entpuppt, wie es in jüngster Vergangenheit nicht selten in öffentlichen Ausschreibungen geschehen ist.

Versteht mich nicht falsch. Ich möchte keineswegs der Korruption das Wort reden. Aber ich möchte auch nicht, dass das Prinzip der Geschäftsfreundschaft irgendwann das gleiche Schicksal ereilt wie das Fugen-S im schönen Wort „Schadensersatz“. Schlaue Juristen haben das Fugen-S fälschlicherweise für einen Genitivindikator gehalten. Da aber der Schadensersatz nun einmal nicht der Ersatz des Schadens ist, musste das vermeintliche Genitiv-S eliminiert werden. Seitdem heißt es allenthalben nur noch „Schadenersatz“. Schade, dass man die Funktion des „S“ so verkannt hat. Es wollte gar keinen Genitiv anzeigen, sondern uns nur die Aussprache erleichtern. Es ging um Geschmeidigkeit auf dem Weg zum Ziel, nicht um die Festlegung eines Ziels. Bei der Aussprache sind die „Easy Times“ offenkundig vorbei. In der Geschäftswelt zum Glück noch nicht ganz.

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