Geist der Vergangenheit

Sicherlich kennt Ihr den wunderbaren Film „Die fabelhafte Welt der Amelie“. Amelie, die Protagonistin, beschert ihren Freunden und Verwandten einzigartige Momente, die deren Leben verändern. In die Welt der Beschenkten tritt plötzlich ein Ereignis, das ihr Leben wieder geheimnisvoll macht und ihnen das Gefühl gibt, das Schicksal agiere ein einziges Mal wie ein gütiger Gott.

Was sie alle nicht wissen, ist, dass ihnen nicht ein gütiger Gott gewogen ist, sondern Amelie ihnen eine Freude macht. So etwa schickt sie den Gartenzwerg ihres Vaters ohne dessen Wissen mit ihrer Freundin, einer Flugbegleiterin, in die weite Welt hinaus. Der Vater erhält Reisebilder seines Gartenzwergs aus den verschiedensten Ländern, was ihn schließlich dazu bewegt die Enge seines eigenen Lebens zu durchbrechen und selbst auf Reisen zu gehen.

In der letzten Woche hatte ich selbst so einen Amelie-Moment. Ich erhielt einen Gruß von meinem vor langer Zeit verstorbenen Großvater. Nun ja, um ehrlich zu sein, war es kein wirklicher Gruß. Aber es fühlte sich irgendwie so an. Es war die ganz besondere Mischung aus Überraschung, Freude und ein ganz klein wenig Unheimlichkeit, die mich einen kurzen Augenblick an Dinge wie Schicksal oder Vorsehung glauben ließ.

In diesem Fall war es indes nicht Amelie, die den Stein ins Rollen brachte. Nein, nein, es war meine Mutter. Sie hatte meine Großmutter besucht. Durch einen Zufall fand sie bei dieser Gelegenheit etwas in einem alten Schrank. Etwas, das meinem Großvater gehört hatte, bevor er vor mehr als 30 Jahren starb.

Als sie mir die Tabakdose einige Tage später gab, war ich offen gestanden sprachlos. Mehr noch: recht eigentlich war ich sogar gedankenlos. Was soll man auch von einer Tabakdose denken, die mein Opa vor über 30 Jahre in einen Schrank gestellt hatte und die dort all die Jahre scheinbar darauf gewartet hatte, dass sein Enkel zum Pfeifenraucher wurde?

Ich habe mir oft gewünscht etwas mehr von meinem Großvater zu wissen, als das, was mir die spärlichen Erinnerungen des Vierjährigen boten, der ich war, da ich Opa das letzte Mal gesehen hatte. Nun – über 30 Jahre später – bekam ich meine Chance. Ich würde etwas über seinen Sinn für Genuss erfahren.

Jenseits dieser zugegeben leicht metaphysischen Überlegungen, stellten sich mir bald noch ganz andere, praktische Fragen. Allen voran standen da natürlich Zweifel im Raum: Konnte ich einen so alten Tabak überhaupt noch rauchen? Die anfänglichen Zweifel wuchsen sich zu einer Angst aus. Was, wenn der Tabak all die Jahre überdauert hatte, nur um dann nach Schimmel zu stinken?

Aber ich vergesse ja ganz, Euch zu erzählen, um was für einen Tabak es sich überhaupt handelte! Das will ich umgehend nachholen. Es war eine 100 Gramm Dose „Troost Special Cavendish“, hergestellt von der niederländischen Firma Royal Tobacco Works J. & A. C. Van Rossem, eine ungesoßte Cavendishmischung, mit mildem und herbem Aroma.

Sicherlich könnt Ihr Euch vorstellen, wie aufgeregt ich war, als ich am Freitagabend die Dose öffnete. Und ganz gewiss könnt Ihr Euch meine Erleichterung vorstellen, als mich statt des befürchteten Schimmelgeruchs der Duft frischen, herben Pfeifentabaks aus der Dose anwehte.

Der Tabak selbst schmeckte mild, ein wenig wie leichter Schwarztee mit verschiedenen milden Kräuteraromen. Mein Opa hatte wirklich Geschmack!

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