Von Polen und Nomaden

Die Geschmackswelt der Pfeifenraucher ist bipolar: es gibt den naturbelassenen Tabak, und es gibt den aromatisierten Tabak. Die Einwohner dieser Geschmackswelt versammeln sich entweder rund um das eine Extrem oder das andere. Überläufer oder gar Bewohner beider Regionen trifft man nirgendwo. So in etwa lautet ein gängiges Vorurteil.

Mir sind keine belastbaren Studien bekannt, die dieses Vorurteil belegen. Es deshalb aber gleich ins Reich der Legenden zu verbannen scheint mir dennoch ein wenig übertrieben. Für mich ganz persönlich trifft es nämlich tatsächlich zu. Mein Geschmack ist an einem der Pole zuhause: ich mag naturbelassene Tabake.

Der Grund dafür war mir immer klar: diese Tabake repräsentieren für mich das Wesentliche, das Natürliche, das Pure, das Ursprüngliche. Und zwar tun das nur diese Tabake. Klingt großartig, nicht wahr? Klingt großartig, gehört inzwischen aber zu jenen Theorien, die die Praxis aufgefressen hat.

Denn vor ungefähr zwei Wochen habe ich einen Tabak ausprobiert, der mich wirklich überrascht hat. Seit dieser Erfahrung habe ich meinen festen Ort in der bipolaren Geschmackswelt verloren. Ich bin ein Geschmacksnomade geworden.

Eigentlich wollte ich Euch schon vor zwei Wochen davon berichten. Aber damals hat mir mein ältester Sohn einen Strich durch die Rechnung gemacht. Vielleicht erinnert Ihr Euch. Ich habe damals über die Sache mit meinem Sohn statt über den in Rede stehenden Tabak geschrieben. Aber das werde ich jetzt nachholen.

Wie gesagt, schrecken mich die meisten Aromen in Pfeifentabake eher ab. Ich finde – aber das ist nur meine ganz persönliche Meinung – sie riechen und schmecken oft sehr künstlich und aufdringlich. Vor einiger Zeit indes habe ich in einem Katalog der Firma Planta aus Berlin einen aromatisierten Tabak entdeckt, dessen Beschreibung mich nicht mehr losgelassen hat. Da stand:

„African dream. Leuchtend gelbe Virginias, in der afrikanischen Sonne gereift – mit braunem Burley und tiefschwarzem Black Cavendish. Aroma der reifen Wildfrüchte des Marula-Baums bilden den Charakter der Melange und des Rauchgenusses.“

Es handelte sich um den Jahrestabak Anno MMXII. Ihn musste ich all meinen Vorurteilen zum Trotz probieren. Und dann geschah das Unglaubliche: der Tabak schmeckte. Ja, er schmeckte nicht nur, er löste etwas in mir aus.

Ich habe noch niemals Früchte des Marula Baums gegessen. Deshalb kann ich nicht sagen, ob es Marula-Geschmack war, den ich schmeckte. Ich weiß nur, dass ich eine Kombination aus süßer Frische und Wärme empfand, die mir bislang noch nicht untergekommen war. Es war ungefähr so, wie sich nach einem heißen Tag im Büro eine laue Sommernacht im Park anfühlt. Nur eben in der Geschmackswelt.

Ich weiß, ich weiß: das hört sich seltsam und auch ein wenig schwärmerisch an. Aber wie soll ich einen Geschmack beschreiben, für den es keine Vokabel gibt, die für die meisten hierzulande nicht eine leere Worthülse wäre? Sicher, ich könnte so etwas sagen wie: die weiche Süße von afrikanischem Virginia vereinigt sich perfekt mit der einzigartigen Frische der Marula-Frucht. Aber mal ehrlich, wer von Euch kann damit etwas anfangen? Oder wisst Ihr etwa, wie die Marula-Frucht riecht und schmeckt?

Aber zurück zum African Dream Anno MMXII. Obwohl der Tabak ganz offensichtlich mit Aromen versehen war, die nicht aus irgendeiner Tabakpflanze stammten, schmeckte er überhaupt nicht künstlich. Er passte damit nicht in meine bipolare Geschmackswelt. Und die ist jetzt – zumindest für mich – nicht mehr bipolar. Sondern … ja was eigentlich? Tripolar vielleicht? Oder gar multipolar? Mal sehen, was mir noch so begegnet auf meiner nomadenhaften Entdeckungsreise. Vielleicht kann ich die Polfrage ja irgendwann beantworten.

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